Über die alten und neuen Mysterien – 01 – Vom Ursprung der Mysterien


cropped-pompeii-villa-of-mystery-3Der Ursprung der Mysterien, die in der ganzen alten Welt in so ungemeinem Ansehen gestanden haben, gehört zu den Problemen, die wohl schwerlich mit vollkommener Gewissheit werden ausgemacht werden. Was man darüber noch bisher gesagt hat, und was auch darüber gesagt werden kann, sind Mutmaßungen, von welchen zwar immer eine vor der andern mehr Wahrscheinlichkeit hat, aber keine einzige hinlängliche Gewissheit gibt. Was man darüber in den Schriften der Alten findet, die doch die einzigen Quellen sind, aus welchen man schöpfen kann, klärt diese Dunkelheiten eben so wenig auf. Es sind nur Nachrichten von den verschiedenen Translationen derselben auf andere Völker. Kadmus und Inachos heisst es, sollen sie nach Griechenland, Erechtheus nach Athen, Trophonios nach Böotien, Melampus nach Argis, Minos nach Kreta, Orpheus nach Thracien, andre anderwerts hingebracht haben.

Diese Nachrichten zeigen wohl an, welchen Personen die Einführung der Mysterien in diesem oder jenem Lande zuzuschreiben ist; aber der eigentliche Ursprung derselben bleibt eben so dunkel, als er war. Und wie gewiss sind auch noch diese Nachrichten? Vielleicht wird niemals hierüber was bestimmtes und vollkommen gewisses gesagt werden können. Vielleicht gehörten die Nachrichten vom Ursprung der Mysterien selbst schon zu den Dingen, die nicht ins Publikum sollten, und wovon nur diejenigen eine Auskunft erhielten, die vollkommen unterrichtet waren. Dies hat mir sehr viel Wahrscheinlichkeit. Nicht bloß Dinge von größerer Erheblichkeit, nicht bloß höhere Philosophie, oder Theologie, oder wie man es sonst nennen mögte, machten den Gegenstand der Geheimnisse der Alten aus: die Geschichte gehörte gleichfalls hierher. Oft gibt auch ein einziger historischer Umstand, den man sonst für eine Nebensache, für Kleinigkeit halten mögte, über andre Dinge Licht, und wenn man diese nicht entdecken und gemein machen will, ist man auch in die Notwendigkeit versetzt, jene zu verbergen.

Wahre Glieder unserer Gesellschaft können hierüber am richtigsten urteilen, da uns unsre eigene Erfahrung zur Hand geht. Wenn man in irgend einem historischen Umstande den Gegenstand unsrer Geheimnisse setzen wollte; so würde man sich sehr irren. Unsre Geschichte an sich betrachtet ist kein Geheimnis. Sie wird es aber, weil andre Dinge von dieser Seite der Welt entdeckt werden würden, die nicht ins Publikum gehören, und daher ist die Frage über den Ursprung unseres Ordens und seiner Geheimnisse gleichfalls eine Sache geworden, die eben so sorgfältig allen Fremden verborgen wird, als dasjenige selbst, was sie in sich fassen. Vielleicht hatte es mit den Mysterien der alten Zeit eben diese Bewandnis. [Hinweis: Der Autor war Freimaurer.]

Außerdem findet man, dass fast durchgängig die Mysterien der alten Welt gewissen Gottheiten heilig gewesen, von welchen man auch den Ursprung derselben hergeleitet. So leiteten die Ägypter ihre Mysterien vom Osiris und der Isis her. Die eleusinischen Geheimnisse waren von der Ceres, welcher sie heilig waren, den Atheniensern mitgeteilt. Die Orgien, die dem Bachus gewidmet waren, hatten denselben auch zum Stifter und Urheber. Vielleicht waren dies nichts anderes, als Hieroglyphen, worunter man den wahren Ursprung derselben verbarg, welcher nur denen bekannt gemacht wurde, denen man alle Bilder vollständig erklärte. Was die Griechen von der Stiftung ihrer eleusinischen Geheimnisse durch die Ceres sagen, siehet einem Priestermärchen, einer Legende so gleich, dass man es unmöglich verkennen kann. Fürs Volk waren dergleichen Erzählungen hinreichend. Es ist aber dies nicht das erstemal, dass unter dergleichen heiligen Sagen Dinge von größerer Wichtigkeit versteckt wurden.

Einige neue Gelehrte haben die Mysterien der alten Völker aus den Zeiten der Wildheit herleiten wollen. In Amerika gibt es noch heutzutage unter den wilden Völkern eine Art von Mysterien, die in einem gewissen religiösen Popanz und Hokus Pokus bestehen, in den Händen der Jongleurs sind, und da statt haben, wenn ein andrer unter die Zahl der Jongleurs aufgenommen werden soll. Aber man darf nur etwas mit den Mysterien der heutigen Wilden, und denjenigen der alten Welt bekannt sein, so wird man sich gar leicht davon überzeugen, dass diese mit jenen in gar kein Parallel gestellt werden können, und auch an sich so beschaffen sind, dass sie von nichts weniger, als von den Zeiten der Wildheit hergerechnet werden können. Hatten sie gleich auch in manchen Stücken ihren Popanz, so hatten sie doch auch viele nutzbare, eindrückliche, und wenn man das symbolische analysierte, höchst wichtige Zeremonien, die gar nicht mit den leeren Gaukeleien, die unter den Wilden üblich sind, in Vergleich gestellt werden können. Das vornehmste aber, was sie von denselben unterscheidet, ist das wissenschaftliche, was sich in den Mysterien der Alten durchgängig befand, und wovon ich nochmals ausführlicher zu reden Gelegenheit haben werde. Dies ist etwas, das nicht für solche Zeiten gehört, da Völker sich noch im Stande der Unkultur befanden, sondern setzt natürlich schon Ausbildung in einem ziemlich hohen Grade zum voraus. Und das war wesentlicher und Hauptcharakter der Geheimnisse, die bei der alten Welt so sehr in Ansehen standen.

Warburton, der sonst eine sehr schöne Abhandlung über die Mysterien seiner göttlichen Sendung Moses einverleibt hat, leitet ihren Ursprung von den Gesetzgebern her, von welchen sie, seiner Meinung nach, erfunden, angeordnet und unterstützt worden. Das kann freilich von niemand geleugnet werden, dass die Obrigkeit von dem Interieur der Geheimnisse gewusst, dass sie auch unter ihrer besonderen Aufsicht und ihrem Schutze standen. Eine Gesellschaft, die auch mit Dingen umging, die der Obrigkeit verheelet werden mussten, verdient nichts weniger als Duldung. Was noch mehr ist, so waren die Mysterien der alten Welt auch in mancher Rücksicht mit dem Staate genau verbunden, und die Obrigkeit musste daher genauen Anteil daran nehmen. Aber darum ist doch nichts unrichtiger, als Warburtons Gedanke, dass die Geheimnisse der alten Welt von Gesetzgebern erfunden worden, um auf solche Weise die großen Wahrheiten von der Unsterblichkeit der menschlichen Seele, von Strafen und Belohnungen zu erhalten.

Die Gründe, womit er seine Meinung unterstützt, sind auch gewiss nicht hinreichend, dieses zu beweisen. Er führt zuerst an, dass die Mysterien aus Ägypten ihren Ursprung gehabt, und beruft sich auf das Zeugnis von Herodot und Diodor von Sizilien. Wahr ist allerdings, dass die griechischen Mysterien, und vornehmlich die eleusinischen, ihren Ursprung aus Ägypten genommen, und nur gewisse Umbildungen nach dem Geschmack der Griechen, und Anwendungen auf die griechischen Gottheiten, denen sie gewidmet waren, gelitten. Dies ist fast das einmütige Zeugnis der Griechen, wenn sie vom Ursprung ihrer Mysterien reden. Vielleicht waren die thracischen, cretensischen und phönizischen Mysterien aus der gleichen Quelle geschöpft. Wahr ist auch, dass die ägyptischen Priester die eigentlichen authentischen Ausleger der Staatsgesetze waren, so wie es die Priester in dem nach dem ägyptischen Muster eingerichteten Staat der Juden gleichfalls waren. Aber darum, dass Priester, als der gelehrte Stamm in Ägypten, Gesetzausleger waren, folget noch nicht, dass Gesetzgeber die Urheber und Erfinder der Mysterien gewesen. Und woher hatte endlich Ägypten, ein Land, das seiner natürlichen Lage nach später, als andere Länder in Asien, kultiviert werden musste, seine Geheimnisse? Die Frage bleibt noch immer unbeantwortet.

Ein anderer von Warburton angeführter Grund ist dieser, dass die Weisen, welche die Geheimnisse aus Ägypten gebracht, und sie in Asien, Griechenland und Brittannien ausgebreitet, alle Könige und Gesetzgeber gewesen, als Zoroaster, Inachus, Orpheus, Melampus, Trophonios, Minos, Kinyras, Erechtheus und die Druiden. — Von einigen unter den hier angeführten ist ihre Würde, als König und Gesetzgeber, noch nicht ausgemacht. Zoroaster war weder König, noch Gesetzgeber. Die Vorschriften, die er den Parsen gab, gingen bloß die Religion an. Kinyras verband in seiner Person das Priestertum mit der königlichen Würde, und da ist die Frage, ob er als Priester, oder als König, die Mysterien auf Zypern eingeführt? Melampus war nicht König, sondern Wahrsager. Eben dies gilt auch vom Orpheus, Trophonios und den Druiden. Aber gesetzt auch, dass die sich so verhielte, so beweist es doch nichts weiter, als dass die Geheimnisse der alten Welt, wo sie errichtet worden, von ihrer ersten Einführung an, immer unter dem Schutz der Obrigkeit und der Gesetze standen, nicht aber, dass Könige und Gesetzgeber die Erfinder derselben gewesen.

Warburtons letzter Grund ist dieser, dass der Staat in den Geheimnissen den Vorsitz gehabt. — Dies galt höchstens nur von den eleusinischen Mysterien. Aber wenn es auch allgemein gewesen wäre, so zeigt es doch weiter nichts, als dass der Staat ein wachsames Auge auf dergleichen Zusammenkünfte gehabt, damit sie nicht ausarten und der bürgerlichen Sozietät nachteilig werden mögten, oder dass sie unter öffentlichen Schutz der Obrigkeit gestanden.

Alles, was man, wo von der Einführung der Mysterien bei den alten Völkern die Rede ist, mit Gewissheit sagen kann, ist dieses, dass sie vom Anfang an unter dem Schutz der Gesetze gestanden. Was übrigens Warburton aus den Eigenschaften der Mysterien, da kein Sklave oder Fremder dazu gelassen wurde durfte, aus der Notwendigkeit eines tugendhaften Lebens, und aus den vorteilhaften Einflüssen, die sie auf den Staat gehabt, für seine Hypothese anführt, beweist nur ihren Wert, und gibt Gründe an, warum sie Staat in Schutz nehmen können, macht aber noch nicht Könige und Gesetzgeber zu ihren Urhebern. Auch selbst die von ihm angeführte Stelle des Plutarchs handelt davon nicht. Die Geschichte von dem eigentlichen Ursprung der Mysterien wird daher wohl noch immer eine Sache bleiben, die sich in der tiefen Dunkelheit des Altertums verliert, und sich dem forschenden Blick des mühsamsten Untersuchers entzieht, der es unternehmen wollte, sie der Welt vor Augen zu stellen. Finden wir gleich keinen hinreichenden Grund, die Nachricht der Griechen in Zweifel zu ziehen, die den Ursprung ihrer Mysterien aus Ägypten herleiten, so verlieren sich doch die näheren Umstände ihrer Einführungen in der Dunkelheit der Fabel und heiligen Sagen, und von wem hatten die Ägypter die ihrigen, die nochmals von ihnen zu anderen übergingen?

Bei dem allgemeinen Stillschweigen der Alten würde es wohl allerdings zu dreist sein, wenn man es wagen wollte, hierüber etwas sagen zu wollen, das ganz ausgemachte Wahrheit sein sollte. Was man sagen kann, sind nur Wahrscheinlichkeiten, sind nur Winke, die indessen dazu dienen können, um anderen eine Spur anzugeben, der sie weiter nachgehen können, wenn sie es für zuträglich finden.

Ich muss hier gleich zum voraus den Hauptgegenstand der Geheimnisse der alten Welt berühren, und ihr wesentlicher Charakter ist Behauptung gewisser Lehren, die mit der herrschenden Religion, der der gemeine Mann anhing, kontrastierten. Die herschende Religion aller der Völker, bei welchen Mysterien vorhanden waren, Ägypter, Griechen, war die Vielgötterei. In den Mysterien ward eine ganz andere Religion, oder Philosophie, oder wie man es sonst nennen will, vorgetragen. Die ursprüngliche Religion der alten Welt war nicht der Polytheismus, sondern Deismus. Die Vielgötterei war eine Ausartung desselben, die teils durch einen unschicklichen, allegorischen Unterricht von Gott und seinen Eigenschaften, teils durch eine unrichtige Vorstellung von der Geister- und Körperwelt, teils durch Zerstreuung der Völker, und damit verbundne Eindringung der Barbarei, teils durch andere Umstände veranlasst, und vom Eigennutz der Priesterschaft genährt und erzogen worden, bis endlich die ursprüngliche wahre Religion ganz verdrängt wurde. In diesen frühen Zeiten, dass diese große Revolution in dem Religionssystem aller Völker vorging, da man vom Deismus zum Polytheismus überging, muss man wahrscheinlicher Weise den Ursprung der Mysterien suchen. Ganz diese dem menschlichen Verstande so nahe verwandte Lehre unterdrücken und der Vergessenheit übergeben, schien unverantwortlich. Die Vielgötterei verbannen, erlaubte der Aberglaube, die Vorurteile des Volks, und viele andere Umstände, und eigene Vorteile auch nicht. Man ließ also diese ihren Fortgang haben, und erhielt zugleich jene, jedoch nur in den engen Grenzen einer geweihten Priesterschaft, die ohnehin schon allgemein vom Volke, als eine weit vorzüglichere Art von Menschen, als die Mittelspersonen zwischen den Menschen und der Gottheit, betrachtet wurden, und sich kein Gewissen daraus machten, sich die Wahrheit, als ein privates Gut, zuzueignen, da unterdessen das Volk im Irrtum wandelte.

Man sieht leicht, dass dieser Ursprung, den ich den Mysterien gebe, sich nicht auf alle Völker passt, unter welchen sie stattgefunden haben. Wenigstens auf die Griechen nicht, von deren Mysterien noch das meiste auf die Nachkommenschaft gekommen ist. Aber es ist auch gewiss, dass die Griechen nicht ein Volk gewesen, das vom Deismus zum Polytheismus herabgesunken, sondern vielmehr ein solches, das seinen krassen Polytheismus mit der Zeit durch die Hilfe der Philosophie verbessert. Auch gehören bei ihnen keine Mysterien zu Hause. Sie sind von anderen Völkern entlehnt, und die in denselben gelehrte reinere Theologie und der naturgemäßere Erklärung der Fabellehre ist eine spätere ihnen zu Teil gewordene, und von Fremden zu ihnen gebrachte Aufklärung. Bei ihnen wars neue, aber verborgene Einführung der Wahrheit, nicht Erhaltung der Wahrheit im verborgenen, die durch Aberglauben verdrängt worden.

Ich weiß nicht, ob die Ägypter, von denen die Mysterien zu den Griechen gekommen, es sind, bei denen die Mysterien auf solche Weise entstanden sind. Unmöglich, oder unwahrscheinlich ist es wenigstens nicht, wenn man so viel, als nur bei den wenigen Nachrichten, die uns von ihnen übrig geblieben, möglich ist, in die Religionsgeschichte dieses Volks eindringt. Zu Abrahams Zeiten scheint die wahre Religion in Ägypten noch nicht ganz verdrängt gewesen zu sein. Zu Josephs Zeiten ist schon der Plantendienst in Ägypten eingeführt. Joseph heiratet die Tochter des Pi-ont-Pyhre, des Priesters der Sonne (Potifera von On). Man merkt auch schon eine Anlage des Tierdienst; wenigstens sind schon Hirten unrein, und Ägypter essen deswegen nicht mit Hebräern. Zu Moses Zeiten aber scheint es schon, dass diese sonderbare Art von Verehrung unter den Ägyptern zur Vollkommenheit gelangt. Und wie sie endlich mit den Griechen bekannt wurden, so wurden auch nach und nach die griechischen Gottheiten teils in Ägypten eingeführt, teils erhielten ursprünglich ägyptische Gottheiten griechische Benennungen, und Fabeln, und es entstand eine sonderbare Vermischung griechischer und ägyptischer Religion. Wären die Mysterien, die nachmals zu den Griechen übergingen, und nach deren Geschmack und Religion umgebildet wurden, wirklich in Ägypten erfunden, so würde wahrscheinlicherweise diese Erfindung in die Zeiten, die zwischen Abraham und Joseph verflossen sind zu setzen sein, also in diejenigen, da man den vernünftigen Dienst des einigen Gottes verließ, und an dessen Stelle den Polytheismus einführte, jenen aber, um ihn dennoch zu erhalten, in das unzugängliche Dunkel heiliger Geheimnisse einschloss, das nur allein den Priestern geöffnet war.

Aber sind gleich die Ägypter ein Volk, dessen Religion vom Deismus in den Polytheismus ausgeartet, und bei welchem also Geheimnisse dieser Art füglich entstehen konnten; so bleibt es doch noch immer sehr ungewiss, dass sie eben die ersten Erfinder derselben gewesen. Wüssten wir noch so viel von der Beschaffenheit und ganzen Einrichtung der ägyptischen Mysterien, so würden wir doch dadurch über diesen Punkt nicht besser unterrichtet werden. Das Anpassende derselben auf Klima, Gottesdienst, Denkungsart und politische Landesverfassung ist kein Beweis für ihre Erfindung. Dies sind Umbildungen nach Beschaffenheit des Landes und der Denkart, und Religion der Völker, bei welchen sie eigenführt wurden. Die griechischen Mysterien, die man zu Eleusis und an anderen Orten von Griechenland feierte, waren, nach dem einstimmigen Zeugnis der Griechen selbst, aus Ägypten zu ihnen gekommen, und dennoch waren sie so der Denkart und übrigen Verfassung der Griechen angemessen, so mit der dem Ägyptiacismus gerade zu entgegen stehenden Religion der Griechen verwebt, dass man sie für nichts weniger, als für ägyptische, sondern vielmehr für griechische Originale hätte halten sollen.

Wäre man genauer und besser von dem Ursprung der Ägypter und ihres ganzen religiösen Dienstes unterrichtet, als wir es gegenwärtig sind, so würde es gar keine Schwierigkeiten kosten, dem Ursprung der Mysterien bis ins tiefe Altertum nachzuspüren, und mit ziemlicher Gewissheit zu bestimmen, wo sie entstanden. Aber hier, bei eben diesen Mittlern, durch welche die Wissenschaften und Künste aus dem entfernten Orient auf die Griechen, und so weiter nach dem Occident gebracht worden, ist alles dunkel. Es sind keine schriftlichen Aufsätze vorhanden. Die Denkmäler der alten ägyptischen Gelehrsamkeit sind bei den Revolutionen, die dieses Land erfahren, in den Trümmern ihrer Tempel begraben, und was übrig sein mögte, ist teils unter den Händen der Griechen verfälscht, und mit so vielen fremden Zusätzen vermengt, dass man wahres vom falschen schwerlich unterscheiden kann, teils ist es auch unleserlich. Mumien, Obelisken, Inschriften sind noch genug vorhanden. Aber es sind Rätsel, bei deren Auflösung Witz genug verschwendet werden kann, ohne eine Wahrheit mit Gewissheit zu entdecken.

Gewissen Übereinstimmungen zwischen Ägyptern und anderen Völkern würden hier vielleicht noch manche Spuren angeben, denen ein kluger Forscher nicht ohne Nutzen folgen könnte. Denn wenn es gleich gewiss ist, dass die Ägypter in den ältesten Zeiten Kolonien aus ihrem Lande ausgeschickt haben; so ist es doch auch gewiss, dass dieselben nicht über den Euphrat gegangen, sondern gegen Osten und Norden sich allein bis nach Phönizien erstreckt haben. (Jamblich im Leben des Pythagoras nennt daher auch die Mysterien, die zu Biblos, Tyrus und an anderen Orten von Syrien gefeiert wurden, Abkömmlinge von Ägypten.) Trifft man daher in diesem Orient Völker an, die in ihrer religiösen Denkart, und in manchen anderen Stücken, mit den Ägyptern genau übereinstimmten, so kann man mit der größten Wahrscheinlichkeit annehmen, dass dieselben solche nicht von den Ägyptern entlehnt haben, da diese sich nie bis dahin verbreitet, sondern dass dieselben es vielmehr gewesen, von welchen sie auf die Ägypter gekommen, wo nicht diese gar eine Kolonie von jenen sind. Da würden also auch wohl natürlicherweise die Urquellen der Geheimnisse aufzusuchen sein, die von da nach Ägypten gekommen, und so auf die Griechen fortgepflanzt worden.

Neuere Schriftsteller haben zwischen den Einrichtungen der Ägypter und Chinesen eine große Ähnlichkeit zu finden geglaubt. De Pauw hat dies Vorurteil sehr gut bestritten, wenn auch gleich seine Vorstellungen von China nicht durchgängig gegründet sein sollten. Aber er ist in einen nicht besseren, und noch weit leichter zu widerlegenden Irrtum gefallen, wenn er die Ägypter zu Abkömmlingen der Äthiopier macht, und ist wiederum vom Meiners widerlegt worden. Indessen scheint es, dass es dem de Pauw ebenso mit den Äthiopiern gegangen, wie sehr vielen anderen. Denn was fasst der Name nicht alles in sich? So kann ein an sich wahrer Gedanke einen auffallenden Irrtum erzeugen.

Steigt man, im Nachforschen über den Ursprung der Mysterien der alten Welt, über die Ägypter hinaus, und sieht diese nicht als Erfinder derselben, sondern nur als diejenigen an, durch deren Vermittlung sie weiter, und vornehmlich in Europa ausgebreitet worden; so ist kein Zweifel, dass man sie in den frühesten Zeiten der Welt aufsuchen muss. Sind sie da entstanden, wo der Polytheismus die ursprüngliche Religion verdrängte; so wird man sie im tiefen Schoß des Orients, und bei den Völkern aufsuchen müssen, die zuerst die wahre und natürliche Urreligion verließen, und dieselbe gegen die Verehrung mehrerer Götter vertauscht haben.

Chaldäa, Persien, und andere benachbarte Länder würden daher wohl am wahrscheinlichsten als diejenigen anzusehen sein, aus welchen zuerst die Mysterien der alten Welt hervorgegangen. Die ersten Spuren von Annehmung des Polytheismus trifft man bei den Chaldäern an. Schon zu Abrahams Zeiten waren sie damit angesteckt. Dies Land ist auch früher, als selbst Ägypten wegen seiner Gelehrten berühmt gewesen, und die Ägypter selbst scheinen ihr ganzes Wissen nur als etwas entlehntes anzugeben, wenn sie diejenigen, die sich unter den Griechen zu ihnen begaben, um in ihrer Weisheit unterrichtet zu werden, fast durchgängig nach dem Orient hin verweisen, um daselbst die Aufschlüsse zu erhalten, die sie von ihnen nicht erlangen konnten. Auch selbst in der heiligen Schrift wird die Weisheit der Ägypter mit derjenigen der Morgenländer zusammen gesetzt, wenn es vom Salomo heißt, dass seine Weisheit „größer gewesen, als alle Kinder gegen Morgen, und aller Ägypter Weisheit“. (I. Könige 4:30)

Was ich hier gesagt habe, sind eigentlich Mutmaßungen. Vielleicht aber können sie einem aufmerksamen Forscher dazu dienen, um dieser Spur weiter nachzugehen, die unstreitig für jeden Freund der Wahrheit einer genauen Nachforschung wohl würdig ist. Wenigstens würde sie zu manchen Entdeckungen der Religions- und Gelehrtengeschichte der alten Welt wichtige Beiträge liefern können.

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