Über die alten und neuen Mysterien – 04 – Verhältnis der Mysterien gegen die Philosophie


cropped-pompeii-villa-of-mystery-3Es ist bekannt, dass die Philosophen der alten Welt nicht weniger, als die Priesterschaft, eine gewisse Disciplinum Arcani gehabt, nach welcher einige Wahrheiten, oder Meinungen, allen ohne Unterschied vorgetragen, andere aber nur denen mitgeteilt wurden, die einen näheren Zugang zu den Philosophen hatten, und gewissermaßen Gelehrte von Profession waren, oder werden wollten. Man kann sagen, dass bei ihnen eine Art von doppelter Lehrart statt gefunden, die ihren ganzen Vortrag dergestalt zum Rätsel machten, dass sie von einem Dinge redeten, aber darunter ein ganz anderes verstunden.

Hiezu waren verschiedene Ursachen vorhanden. Einmal glaubte man, dass nicht alle Wahrheiten dem Volk nutzbar wären, oder gar leicht von demselben gemißbraucht werden könnten. Daher kam es denn, dass man das Volk oftmals durch Vorurteile hinterging, und Wahrheiten aufs sorgfältigste vor ihm verheelte. Eine andere Ursach gab die Religion der damaligen Zeiten selbst an die Hand. Man war im Heidentum nicht weniger strenge gegen die anders denkenden, als nachmals unter den Christen. Hatte man gleich keine Inquisition, so hatte man doch Gerichtshöfe, vor welchen die Verbrechen wider die Religion abgehandelt wurden. Dergleichen war der Areopag in Athen. Die Geschichte der Hinrichtung von Sokrates ist ein Beispiel heidnischer Intoleranz. Was Platon in Sizilien zu sagen wagte, das durfte er gewiß nicht in Athen sagen. Nicht selten grenzte der Vortrag philosophischer Wahrheiten so nahe an die Lehre der Mysterien, dass man die freie Lehre derselben gewiß als Veräterei hätte ansehen können, die an diesen letztern begangen wäre. Das war auch Ursach, dass Sokrates sich nie zu den Mysterien wollte einweihen lassen. Denn, trug er alsdann Sätze vor, die den Wahrheiten der innern Religion gemäß waren, so konnte man doch ihn, als einen niemals eingeweihten Mann, nicht beschuldigen, dass er die Geheimnisse verraten hätte. Die sonderbare Art von Hochachtung, die man in den ältesten Zeiten gegen alle Wissenschaften trug, welche man als ein Gut ansah, das für den geringeren Teil des Volke gar nicht gehörte, trug auch nicht wenig zu dieser doppelten Lehrart bei; vornehmlich da in den Zeiten der Unterricht der Philosophen, besonders bei den Griechen, ganz öffentlich war, wo jedermann gegenwärtig zu sein die Erlaubnis hatte, da es denn natürlich war, dass man solche Wahrheiten nur versteckt vortrug, von denen man glaubte, dass sie nicht für den gemeinen Mann gehörten.

In den ältesten Zeiten ist diese doppelte Lehrart nirgends mehr geübt und weiter getrieben worden, als unter den Pythagoräern. In den nachfolgenden Zeiten aber war sie auch bei den sogenannten eklektischen Philosophen der Alexandrinischen Schule im Gange. Pytagoras hatte innere und äußere Schüler. Diesen letztern gab er nur bloß moralische Vorschriften, jenen aber entdeckte er die höheren Wahrheiten seiner Philosophie. Dies fand auch bei den Alexandrinern statt. Auch diese reden sehr häufig in ihren Schriften von Geheimnissen der Philosophie.

Es kommt hier, wie ein jeder leicht einsehen wird, die Frage vor: In welchem Verhältnis haben die Mysterien der Alten zu ihrer Philosophie gestanden, und ist nicht etwa dasjenige, was man in jenen, nach langen Prüfungen und Läuterungen, erfuhr, im Grunde nur das gewesen, was die Philosophen ohne diese Vorbereitungen ihren Zuhörern mitgeteilt?

Warburton leugnet dieses gerade zu: aber gewiß aus dem unrichtigen Grundsatz, nach welchem er glaubt, dass die Mysterien von den Gesetzgebern zum Besten des Staats wären erfunden worden. Bei den Mysterien, sagte er, sahe man allein auf den Nutzen der bürgerlichen Sozietät: bei den Philosophen allein auf die Wahrheiten, ohne sich um den Nutzen zu bekümmern, und deswegen hätten die Mysterien, und die Philosophie der Schulen nicht einerlei sein können. (Warburtons göttl. Sendung Moses S.211) Mich dünkt, dieser Grund ist sehr schwach, da eine und dieselbe Sache nach der Absicht derer, von welchen sie bearbeitet wird, zu sehr verschiedenen Endzwecken gebraucht werden kann. Wahrheit und Nutzen sind auch über dies solche Stücke, die nicht leicht von einander getrennt werden können. Noch nie ist Wahrheit der Welt gegeben worden, ohne denen, welchen sie zu Teil ward, heilsam zu sein, und noch nie ist Nutzen dauerhaft und gründlich gewesen, als da, wo er aus der Wahrheit seinen Ursprung hatte. Es ist auch, wie mich wenigstens dünkt, eine ganz ungegründete Beschuldigung, wenn dieser gelehrte Mann sagt, dass die Philosophen und die Stifter der Mysterien beides von einander getrennt, dass die ersteren die Nutzbarkeit verachtet, und die letzeren sich um Wahrheit wenig bekümmert hätten. Von einigen Philosophen der Ionischen Schule, die sich ganz in den metaphysischen und physischen Spekulationen verloren, kann man freilich sagen, dass sie wenig darauf gesehen, was für Folgen aus den von ihnen erkannten Wahrheiten zum Besten der menschlichen Sozietät hergeleitet werden könnten; aber das gilt gewiß nicht von allen, von den Pythagoräern, Platonikern, und besonders von allen aus der sokratischen Schule entstandenen philosophischen Parteien. So ward freilich von denen, die im Besitz der Mysterien waren, die Wahrheit verborgen, und nicht dem gemeinen Mann bekannt gemacht: aber außerdem, dass die Stifter der Mysterien es nicht waren, von welchen die fabelhafte Religion erfunden und dem Volk aufgedrungen worden, kann man auch von diesen nicht sagen, dass sie allein auf den Nutzen gesehen, und sich übrigens um Wahrheit wenig bekümmert hätten. Denn nicht nur im Innersten der Mysterien wurden die erhabenen Wahrheiten vorgetragen: sondern so viel als nur immer die Ruhe des Staats erlaubte, suchte man auch den gemeinen Mann aus seinen Vorurteilen zu reissen, wie z.B. in Ansehung der Lehre von dem künftigen Zustande.

Die ganze Frage: ob die Geheimnisse mit der Philosophie und den Wahrheiten derselben einerlei gewesen? kann, wie ein jeder bald einsehen wird, der nur von beiden etwas genaue Einsichten hat, weder geradezu bejahet, noch verneinet werden. Man muss hiebei sowohl auf die verschiedenen Arten der Mysterien der alten Welt, als auf die verschiedenen philosophischen Parteien Rücksicht nehmen. Einige Mysterien haben gewiß sich nicht des großen Vorzugs rühmen können, dass in ihnen Dinge von Wichtigkeit wären enthalten gewesen. Dies gilt von allen, die gewissermaßen als Ableitungen angesehen werden konnten. Dergleichen scheinen die Sacra Bona Dea bei den Römern, und bei den Griechen diejenigen gewesen zu sein, die von den eleusinischen Geheimnissen, und von den Orgien abgeleitet worden. Denn obgleich die eleusinischen Geheimnisse sowohl, als die Orgien, Sachen von Wichtigkeit enthielten, so scheint es doch mit den von ihnen abgeleiteten nicht dieselbe Bewandnis gehabt zu haben. Sie sind auch nicht so berühmt und angesehen in der alten Welt, als jene beiden gewesen. Wo überhaupt die Mysterien sich nur bloß auf die heidnische Volksreligion bezogen, oder die Geschichte des Gottes abhandelten, dem sie gewidmet waren, da kann man keine Übereinstimmung der Philosophie und der Mysterien annehmen: und es ist erst sehr spät geschehen, dass die Philosophen auf die Volksreligion Rücksicht genommen haben.

Eben so verhält es sich mit der Philosophie und den in derselben entstandenen verschiedenen Schulen, oder Parteien. Einige derselben haben durchaus keine Verbindung mit den Geheimnissen gehabt. Sokrates wollte sich zwar um deswillen nicht zu den Mysterien einweihen lassen, damit er nicht durch die in denselben zu leistende Verbindung gehindert werden mögte, die Wahrheit vorzutragen, und daraus mögte man sehr wahrscheinlich die Mutmaßung ziehen, dass dasjenige, was er lehrte, im Grunde genommen, mit demjenigen, was in den Mysterien vorgetragen wurde, einerlei gewesen wäre; aber dies betraf nur die beiden Lehren, vom künftigen Zustand, und vom Dasein eines höchsten Wesens. Übrigens hatte dieser große Mann alles aus seiner Philosophie verbannt, was nicht unmittelbar auf die sittliche Verbesserung der Menschen einen Einfluss hatte, und es fielen daher ungemein viele Dinge bei ihm weg, die sonst den Gegenstand der Mysterien ausmachten. Eben dies kann man auch von der aristotelischen, der stoischen, der epikurischen und einigen andern Schulen sagen. Hingegen ist es sehr wahrscheinlich, dass die beiden alten Sekten der Philosophie, nämlich die ionische und die italianische, ganz ungemein vieles mit den Mysterien gemein gehabt haben, und dass man sie mit Recht als eigentliche Ableitungen derselben ansehen könne. Thales der Milesier war in Ägypten von den Priestern unterrichtet, und brachte ihre Metaphysik und Physik zu den Griechen. (Diogen. Laert. Lib. I. Segm.27) Seine Grundsätze von den Göttern, von dem Ursprung, und der Natur der Dinge, so wenig uns davon aufbehalten ist, sind im Grunde eben dieselben, die bei den Ägyptern vorgetragen wurden. (Cicero de Legib. II. de Natura Deartum. I. a.10) Wollte man hiegegen sagen, dass dies ägyptische Philosophie, aber nicht Mysterien gewesen wären, was Thales in Ägypten von den Priestern erlernt, so ist bekannt, dass die gesamte Gelehrsamkeit in Ägypten das Teil der Priester war, und dass der Unterricht in den Wissenschaften bei ihnen nicht anders, als Unterricht in den Mysterien angesehen werden kann.

Noch deutlicher siehet man dies an der pythagorischen Schule, welche nicht nur die Lehren, sondern auch die verborgene Lehrart der Ägypter angenommen hat, wovon ich in der Folge besonders reden werde.

Aus eben der Schule und Quelle hatte auch Platon geschöpft, der sich bei seinem Aufenthalt in Italien nicht nur von den beiden Pythagoräern Philolaos, und Eurytos unterrichten ließ, sondern auch nach Ägypten reiste, und daselbst sich dem Unterricht der Propheten übergab. Er würde auch, wie Diogenes sagt, nach Persien zu den Magiern gegangen sein, wenn ihn nicht die Kriegsunruhen im Orient daran gehindert hätten. (Diogen. Laert. Lib. III Segm. 6.7.) Was nicht diesem Philosophen besonders eigen ist, ist eigentlich aus diesen Quellen geschöpft, oder im griechischen Gewand dargestellt. Apuleius hat schon zu seinen Zeiten sehr richtig von der platonischen Philosophie geurteilt, wenn er sagt, dass sie, in so ferne sie sich mit natürlichen Gegenständen beschäftigt, aus der Schule des Heraklits entlehnt worden, seine Lehren von den Intelligenzien aber habe Platon den Pythagoräern abgeborgt, und seine Moral und Vernunftlehre dem Sokrates.

Die spätern Platoniker der alexandrinischen Schule suchten gewissermaßen alle alten Lehren in sich zu vereinigen. Sie sind nicht nur zu den Zeiten des sinkenden Heidentums die größte Stütze desselben gewesen, und haben solches, wo sie nur immer gekonnt, verteidigt, sondern sie haben auch den ganzen Gang der Mysterien in ihre Sekte hinüber genommen. Aber dies alles gehört eigentlich in eine Geschichte der Philosophie, oder des menschlichen Denkens. Genug, wenn man von beiden, von der Philosophie der Alten, und ihren Mysterien einigermaßen unterrichtet ist, so siehet man leicht, dass sie sich einander immer die Hände geboten, und nicht so verschieden gewesen, als vom Warburton geglaubt wird; sondern dass eigentlich aus den Mysterien die vornehmsten Schulen der Philosophen hervorgegangen sind, und von daher ihre ersten und vornehmsten Einsichten entlehnet haben.

Nicht die Mysteriokrypsie ist es daher allein, worin die Philosophen mit den Mysterien übereinstimmten, obgleich auch dieses nicht geleugnet werden kann, da nämlich das Ansehen der Volksreligion und ihre Verbindung mit dem Staat es notwendig machte, gewisse Wahrheiten zu verheelen, oder verdeckt vorzutragen; sondern diese Übereinstimmung betraf auch wirkliche Lehrsätze selbst, wie in der Folge noch deutlicher werden wird, wo ich den Gegenstand der alten Mysterien etwas genauer untersuchen werde. Hatten die Philosophen, wie Macrobius sagt, den Grundsatz angenommen, dass es erlaubt sei, alsdann zu Erdichtungen seine Zuflucht zu nehmen, wenn von den Göttern, die das Volk verehrte, von der Seele, und den geistigen Naturen die Rede war: (Macrobius in Somn. Scip. Lib. I. c.2, bei Warburton I. p.481) ein Grundsatz, der bei den Mysterien gleichfalls angenommen war, wo man das Volk mit Fabeln und sinnlichen Vorstellungen unterhielt, ganz anders aber zu den Vertrauten oder Vollendeten redete; so hatten sie gewiß dazu eben die Ursach gehabt, welche die Erfinder der Geheimnisse zu einem gleichen Verfahren bewog, und man kann schon von hieraus auf die große innere Übereinstimmung zwischen beiden schließen.

Warburton sagt noch, dass die geheimen Lehren der Mysterien nicht die metaphysischen Spekulationen der Weltweisen, von der Gottheit und der menschlichen Seele, sein können; denn sonst würden die geheimen Lehren der philosophischen Schulen einerlei gewesen sein mit den Lehren der Mysterien; dies hätte aber, wegen der Verschiedenheit ihres Zwecks, nicht statt finden können. — Von der Verschiedenheit des Zwecks habe ich schon vorhin geredet. Dass die geheimen Lehren der philosophischen Schulen metaphysische Spekulationen von Gott, und der Seele enthalten, ist bekannt, und auch das gibt Warburton zu. Es kommt nur auf die Frage an, ob sich auch die Mysterien mit diesen Spekulationen beschäftigten? Und diese Frage kann gewiß nicht anders, als bejahend beantwortet werden. Denn man nahm nicht nur in denselben, sondern man gab auch. Man widerlegte nicht nur die Vorurteile und Irrtümer von den Göttern, und was die ganze Fabellehre von ihnen erzählt; man zeigte nicht nur, dass die Begriffe, die man sich nach den Fabeln der Dichter von dem zukünftigen Zustand der menschlichen Seele machte, unvernünftig wären: sondern man erklärte auch gleichsam diese Volkshieroglyphen, und gab dagegen sowohl von jenen, als von diesen vernünftigere und der Wahrheit angemessene Begriffe. Es kann daher auf keine Weise die große Übereinstimmung zwischen den Mysterien und der Philosophie geleugnet werden.

So wahr indessen dieses ist; so glaube ich doch auch, dass man sich ungemein irren würde, wenn man die Mysterien der alten Welt nur allein in diesen Spekulationen der Metaphysik suchen wollte. Hätten sie nichts mehrers enthalten, so hätten sie schon weit früher aufhören müssen: denn alle diese Wahrheiten wurden zuletzt öffentlich vorgetragen, und selbst von denen unter den Philosophen, die die stärksten Verehrer und Unterstützer der Mysterien waren. Aber hievor hat die Zeit den Vorhang gezogen, und es ist wohl schwerlich zu erwarten, dass derselbe jemals aufgezogen wird, um dem neugierigen Blick des kühnen Forschers ein Genüge zu leisten. Die ganze Lage der Welt ist auch nicht darnach, und wäre es möglich, dass hierüber einiges Licht verbreitet werden könnte, so zweifle ich doch nicht, dass dasselbe eben so, als in der alten Welt, müsste versteckt werden.

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