Über die alten und neuen Mysterien – 06 – Von den kleinen eleusinischen Geheimnissen


cropped-pompeii-villa-of-mystery-3Von allen anderen Geheimnissen der Alten ist nicht so viel, als von den eleusinischen, auf die Nachwelt gekommen. Höchstens weiß man einige Symbole der sogenannten orphischen Geheimnisse. Von den ägyptischen kennt man hin und wieder einzelne Stücke, die aber doch nicht hinreichend sind, um daraus ein ganzes zusammen zu setzen. Von den sogenannten Mithra-Geheimnissen sind gleichfalls nur unzusammenhängende Dinge auf die Nachwelt gekommen. Die ausführlichsten Nachrichten hat man von den Mysterien, die zu Eleusis in Griechenland gefeiert wurden. Daraus folgt nicht, dass sie die wichtigsten gewesen. Sie wurden aber am meisten besucht. Cicero sagt, dass Völker von den entferntesten Weltgegenden sich dazu einweihen lassen. Sie haben daher alle andren, die zu gleicher Zeit in Griechendland waren, gewissermaßen verschlungen, oder doch wenigstens ihren Ruhm verdunkelt. Wenn man mit ihnen bekannt ist, kann man sich von den andern Mysterien der alten Welt ziemlich richtige Begriffe machen. Meursius, Warburton und Meiners haben davon die besten Nachrichten geliefert. Indessen wird ein Kenner und genauer Beurteiler noch hie und da manches zu ergänzen finden.

Die Geheimnisse, die man zu Eleusis beging, waren in große und kleine eingeteilt. Dies hat allen Schriftstellern, welcher über diese Materie geschrieben haben, viel zu schaffen gemacht. Denn da die Alten nicht immer unterschieden, ob sie von diesen oder jenen reden; so schreibt man oft Dinge, welche die großen Mysterien angehen, den kleinen zu, und umgekehrt.

Diese Einteilung floss aus den Sachen selbst. Denn die großen Mysterien enthielten Dinge, woran man durchaus nicht einen jeden Anteil nehmen lassen konnte, teils weil nicht alle Menschen derselben empfänglich waren, teils auch, weil damit die im Staat gegründete, und mit der Staatsverfassung verwebte Religion gar nicht hätte bestehen können. Die kleinen Mysterien hingegen enthielten Dinge, die nicht nur ein jeder wissen konnte, sondern die auch gewissermaßen jeder wissen musste, wie man im folgenden deutlich sehen wird.

Eigentlich mögte man wohl nur von den großen Mysterien sagen, dass sie Geheimnisse gewesen sind. Denn Mysterien, die ein jeder Bürger wissen muss, sind ein Widerspruch, und nur solche Dinge allein können eigentlich Geheimnisse genannt werden, die nicht zur Wissenschaft eines jeden kommen können. Aber nennen wir nicht noch heut zu Tage unter den Christen Sachen Geheimnisse der Religion, die doch ein jeder Christ wissen muss? Die kleinen Mysterien können daher auch noch immer diesen Namen tragen, da sie vor allen, welche nicht eingeweiht waren, verschwiegen werden mussten, ja da es diesen nicht einmal erlaubt war, an diejenigen Orte zu kommen, zu welchen die wirklich Geweihten einen Zutritt hatten.

Vor der wirklichen Einweihung zu den kleinen Mysterien gingen gewisse Gebräuche vorher, die man als eigentliche Zubereitungen zu jenen ansehen musste, und die von allen, die den nähern Zugang zu denselben erhalten wollten, übernommen werden mussten. Es ist nicht daran zu zweifeln, dass man durch diese Vorübungen die Mysterien selbst höher hinauf setzen, und ihnen bei dem Volk ein desto größeres Ansehen geben wollen. Worin aber diese Vorübungen bestanden, kann man nicht mit vollkommener Genauigkeit sagen; doch ist soviel gewiß, dass es Reinigungen oder Abwaschungen gewesen. Die Einzuweihenden wurden an den Fluss Ilissus geführt, und daselbst mit Wasser begossen. Sei standen dabei auf heiligen Fellen. Die Ursach dieses letzern Umstandes war unstreitig diese, damit die Füße nicht unrein würden. Eben dieses war auch bei den Juden bei ihrer Proselyten-Taufe im Gebrauch, wo man denen, die mit Wasser begossen wurden, Felle oder Matten von Reisern unterlegte. (Danzii Baptismus Proselyt. in Meuschen Nov. Test. ex Thalmude illustr. p. 273) Clemens von Alexandrien sagt, dass man den Anfang der Einweihung mit der Reinigung mache, die bei den Griechen eben das war, was bei den Barbaren die Abwaschungen des ganzen Körpers sind. Meiners führt noch eine Stelle aus dem Theon Smyrnäus an, wo die Reinigung ***** genannt wird. Dieser Ausdruck kommt freilich sonst nur den großen Mysterien zu, und Dionysius, der sogenannte Areopagite, teilt daher die Mysterien in folgende drei Klassen ein, nämlich in *****, Reinigungen, *****, Geheimnis, und *****, Vollendung. (Dionys. Areopag. de Eccles. Hierarch. Cap. V.) Aber Theons Benennung ist an sich nicht unrichtig, da eben diese vorhergängige Reinigungen einen mystischen Tod bildlich vorstellten. Man vergleiche nur hiemit die beiden unten angeführten Stellen aus dem Tertullian und Augustin, wo von diesen Reinigungen überhaupt die Rede ist. (Tertullian de Baptismo p. 704. de Praescriptione Haeret. p. 110 de Corona milit. p. 457. edit. Froben. und Augustinus de Trinit. Lib. III. cap. 10)

Alsdann wurde geopfert. Bei der Einweihung zu den eleusinischen Geheimnissen opferte man trächtige Schweine. Dieses hatte allein auf die Gottheit, unter deren Schutz gedachte Mysterien stunden, seine Beziehung. Überhaupt wurden dieser Göttin trächtige Schweine geopfert. Bei der Voreinweihung zu den Orgien hat man unstreitig andre Opfer gehabt. Apuleius gedenkt in der Erzählung von seiner Einweihung gleichfalls der Opfer. Er sagt zwar nichts, was es für welche gewesen; aber es versteht sich aus der ganzen Einrichtung des heidnischen Gottesdienstes, dass es solche gewesen, die man sonst gewöhnlich der Isis dargebracht.

Außer den Opfern mussten diejenigen, welche eingeweiht werden wollten, sich noch durch Gebet, durch Fasten und Enthaltsamkeit vorbereiten. Gewisse Speisen, als Fische, Bohnen, Äpfel, waren gänzlich verboten, ja man durfte sich nicht einmal diesen Gewächsen nähern, oder sie berühren, ohne verunreinigt zu werden. Das Verbot der Äpfel scheint aus der Geschichte der Proserpina herzurühren. Das Verbot der Fische und Bohnen aber ist unstreitig ägyptischen Ursprungs. Aus der Antwort, die die Eingeweihten bei ihrem Eingang in den Tempel, als ein Losungswort, gaben, sieht man, dass man ihnen bei ihrer Voreinweihung aus den heiligen Gefäßen zu essen und zu trinken gegeben. Denn die Formel, woran man erkannte, ob sie eingeweiht waren, war diese: „Ich habe aus dem Tympanon gegessen, aus dem Kymbalon getrunken, und den Kernos (ein mystisches Gerät) getragen.“ Oder: „Ich habe gefastet, und aus dem heiligen Becher getrunken: ich habe den Becher aus der Kiste genommen, und ihn, nachdem ich ihn gebraucht, in den Korb, und aus dem Korb in die Kiste gelegt.“

Dieses alles waren Stücke der Einweihung; aber die Ordnung, wie sie auf einander folgten, sind, wie mehrere Stücke, die dabei vorgegangen, gänzlich unbekannt. In den samothrakischen Geheimnissen ging ein förmliches Bekenntnis der Sünden vorher. Plutarch erzählt daher vom Lysander, dem Lacedämonier, dass er, als ihm der Priester vor seiner Einweihung befohlen, seine Sünden zu beichten, ihn gefragt hat: „Wer fordert dies? Du oder die Götter?“ Als ihm hierauf der Priester geantwortet hat, dass es die Götter befohlen, so habe Lysander gesagt: „Nun so gehe du weg: wenn die Götter mich fragen werden, werde ich es ihnen sagen. (Plutarch opp. Tom. II. p. 229) Hieraus ist es offenbar, dass ein Bekenntis der Sünden vorhergegangen, und dies wird überdem noch dadurch bekräftigt, dass niemand, der sich gewisser Verbrechen schuldig gemacht hatte, einen Zutritt zu den Geheimnissen erlangen konnte. Aus dem, was Apuleius von seiner eignen Einweihung sagt, lässt sich auch auf ein vorhergegangenes Bekenntis der Sünden schließen; denn derjenige, der ihm mit Wasser den Körper wusch, sagte ihm zugleich die Worte vor, mit welchen er die Götter um Vergebung der begangenen Sünden bitte musste. (Apuleius Metamorph. Lib. I. p. 268) Indessen ist es doch nicht glaublich, dass dies bei den kleinen eleusinischen Geheimnissen statt gefunden habe, indem die Anzahl derer, die zu denselben auf einmal eingeweiht wurden, zu groß war, als dass man sich auf eine Art von Ohrenbeichte hätte einlassen können. Vielleicht ließ man es bei sehr allgemeinen Bekenntnissen bewenden, und sah die Besprengung als ein Mittel an, wodurch alle Schuld des vorigen Lebens gänzlich ausgelöscht würde. Das sagt wenigstens Tertullian ausdrücklich von den Mithras-Geheimnissen.

Meiners sagt, es sein ungewiß, ob die Einzuweihenden gegeisselt worden, welches bei den Mysterien üblich gewesen, so die Pheneaten der Ceres gefeiert, und welche mit den eleusinischen Mysterien genau übereinstimmten. Bei den eigentlichen eleusinischen Mysterien musste diese Exekution wohl natürlich wegfallen, da zuweilen wohl 30.000 Menschen auf einmal zu denselben eingeweiht wurden. Aber wenn man die Stelle des Pausanias selbst ansieht, so kann man gar nicht einmal auf den Gedanken kommen, dass dieses bei den kleinen eleusinischen Geheimnissen stattgefunden habe. Einesteils ist gar nicht einmal von einer Geisselung der Einzuweihenden beim Pausanias die Rede, sondern es wird nur gesagt, dass der Priester an dem Tage der großen Mysterien das Bild der Ceres Cidaria genommen, dasselbe angezogen, und die Landeseingeborenen nach einer gewissen Ordnung mit Stäben geschlagen. Überdem, wenn auch die Mysterien der Pheneaten noch so genau mit den eleusinischen übereinstimmt, oder gar, wie diese sagten, diejenigen gewesen, von welchen eigentlich die eleusinischen hergekommen; so ist doch von den großen, und nicht von den kleinen Mysterien die Rede. Und endlich ist noch gar die Leseart der Stelle zweifelhaft. Ruhn sagt, dass man *****, und nicht ***** lesen müsse, und dass das Schlagen mit Stäben auf die unterirdischen Gottheiten gegangen, die die Proserpina in ihrem Reiche zurückgehalten hätten. Dadurch würde denn gar diese Sache einen ganz anderen Sinn erhalten. (S. Pausanias in Arcadicis. Cap. XV.)

Dieses waren ungefähr die Zeremonien, die vor der Teilnehmung an den Mysterien selbst vorhergingen. Ob aber derselben noch mehrere gewesen, und worin sie bestanden, ist unbekannt. Hierauf ging die wirkliche Einweihung vor sich, die des Nachts geschah. Aber über diesen Teil der Mysterien ist ungemein viel Dunkelheit verbreitet. Man weiß fast nichts von den dabei beobachteten Gebräuchen, als dass die Einzuweihenden Myrthenkränze auf ihren Häuptern gehabt, und sich bei ihrem Eintritt in den Tempel sogleich die Hände waschen müssen, und dass ein Herold ausgerufen, dass sie sich nicht anders, als mit reiner Seele, reinen Händen, und mit griechischer Mundart nahen sollten. (Meiners a.a.O. p. 268) Zwei Stücke scheinen indessen noch vorhergegangen zu sein, nämlich Angelobung des Stillschweigens gegen alle, die nicht eingeweiht wären, und das Versprechen eines tugendhaften Lebens. Beides steht hiemit in zu genauer Verbindung, als dass es davon hätte können getrennt werden. Aber über alles übrige hat die Zeit den Vorhang gehängt. Vielleicht war alles das, was man in dem Tempel selbst wahrnahm, Einweihung, und mit Prüfungen und Läuterungen vergesellschaftet. Es scheint auch, dass man denen, welche auf solche Weise eingeweiht worden, gewisse Zeichen und Wörter bekannt gemacht habe, woran man es erkannt, dass sie eingeweiht worden, oder diejenigen Prüfungen überstanden, nach welchen man nur allein die Erlaubnis hatte, an den Mysterien Anteil zu nehmen. Dergleichen Worte waren eben diejenigen Formeln, die ich bereits vorhin aus dem Clemens von Alexandrien angeführt habe. So hatte man auch gewisse Wörter, deren man sich bediente, wenn die Versammlung wieder auseinander ging.

Alles, was man im Tempel selbst wahrnahm, war vielleicht Einweihung, und mit Prüfungen und Läuterungen vergesellschaftet. Eine Stelle in Lucians Cataplus macht dieses sehr wahrscheinlich. Es ist folgende: „Mityll. Gott! Welche Finsternis! Wo ist nun der schöne Megyllus? Oder woran kann man hier sehen, ob die Symmicha schöner sei als Phryne? Denn alles ist hier einander gleich und von einer Farbe, und man kann nicht unterscheiden, was schön, und schöner sei: sondern mein alter abgetragener Mantel, der vorhin so schlecht zu sein schien, ist nun eben so, wie der Purpur eines Königs. Beide sind nicht zu unterscheiden, und mit einerlei Finsternis bedeckt. Aber wo bist du Kiniskus? Kinisk. Hier, sage ich dir, hier Mityll! Wenn du willst, so wollen wir zusammen gehen. Mityll. Gut! Gib mir deine Hand. Du bist doch in die eleusinischen Geheimnisse eingeweiht: sage mir also, dünkt dich nicht auch, dass dieser Zustand sehr mit ihnen übereinkommt? Kynisk. Recht so! Siehe da kommt auch eine mit Fackeln in den Händen, die mit fürchterlichen und drohenden Blicken vor sich hinschaut. Ist das nicht eine Furie?“ (Luciani Cataplus opp. Tom. I. p. 643, edit. Reizii) Wird man gleich aus dieser Stelle nicht von allem, was vorgegangen, unterrichtet, so sieht man doch so viel, dass nach der eigentlichen Voreinweihung gewisse sonderbare Zeremonien vorhergegangen. Dieses bekräftigt gleichfalls die erwähnte Geschichte der beiden jungen Akarnanier, die sich durch die Sonderbarkeit ihrer Fragen, über dasjenige, was sie im Tempel sahen, und empfunden, verrieten, dass sie nicht eingeweiht gewesen waren.

Was war es aber, was man nach allen Einweihungen erfuhr? Ich glaube nicht zu irren, wenn ich auch hier sage, dass dasjenige, was wir wissen, nichts anders, als Bruchstücke sind. Indessen ist so viel gewiß, dass in den kleinen eleusinischen Geheimnissen die Geschichte des Raubes der Proserpine und des Suchens der Ceres nach ihrer Tochter dramatisch vorgestellt worden. Nach den Nachrichten der Kirchenväter, und vornämlich des Clemens von Alexandrien, ward die ganze Geschichte der Ceres vorgestellt, wie er sie nämlich mit Gewalt zu seinem Willen genötigt: die Strafe, die Jupiter angeblich an sich vollzogen, und wodurch er den Zorn der Göttin zu besänftigen gesucht: Die Geburt der Proserpine, und wie diese widerum von ihrem eignen Vater, unter der Gestalt einer Schlange, geschändet worden: ferner die Entführung der Proserpine durch Pluto, und das trostlose Suchen der Ceres nach ihrer Tochter, bei welcher Gelegenheit sie den Atheniensern die Mysterien mitteilte. Sieht man auf die vielen unsittlichen Szenen in dieser Geschichte, so gerät man sehr in Versuchung zu glauben, dass dies Vorgeben ungegründet sei. Ziehet man aber zwischen den eleusinischen und andern Mysterien ein Parallel, so ist dies wohl nichts weniger, als ein erdichtetes Vorgeben: denn in allen andern Mysterien ward die Geschichte der Gottheit, unter deren Schutz sie stunden, dramatisch vorgestellt. In den Orgien kam die ganze Geschichte des Bachus vor. In den phönizischen Mysterien wurde die ganze Geschichte des Adonis vorgestellt. In den Mysterien der Venus wurde die Geschichte dieser Göttin, die Entmannung des Saturns, und überhaupt was dahin gehörte, in einem förmlichen Drama aufgeführt. In den schon griechisch gemachten Mysterien der Isis kam die Ermordung des Osiris durch den Typhon, und die Sammlung der traurigen Überbleibsel seines Körpers durch die Isis vor. Daher sagt Clemens von Alexandrien, dass man in den Mysterien nichts anderes, als Erwürgungen und Gräber der Götter nachahme. Hiemit stimmt auch überein, was Cicero sagt: „Frage nur, welche Gräber es sind, die man in Griechenland zeigt, und erinnere dich, da du eingeweiht bist, was in den Mysterien gesagt wird. Dann wirst du sehen, wie weit sich dies erstreckt.“ (Cicero Tuscul. Quaest. I. c. 13) Diese Stelle handelt freilich, wie ich glaube, von den sogenannten großen Mysterien; aber sie dient gewiß auch zu Bekräftigung dessen, was Clemens von Alexandrien sagt. Wenn man hiernächst noch bedenkt, dass die kleinen Mysterien im Grunde genommen nichts anders, als ein Vorspiel der größeren gewesen; so kann es niemand befremden, dass die Geschichte der Götter in denselben vorgestellt wurde. Ist es also keinem Zweifel unterworfen, dass dergleichen Dinge wirklich den Zuschauern in einem Drama vorgestellt wurden; so muss man doch glauben, dass man bei den Vorstellungen, so viel es nur immer möglich gewesen, der Sitten geschonet habe.

Nach diesen eigentlich historischen Vorstellungen kamen die sogenannten dogmatischen, die die Lehre von dem zukünftigen Zustand der abgeschiedenen Seelen enthielten. Man machte wahrscheinlicher Weise mit den Qualen des Tartarus den Anfang, und das ganze dunkle Reich der Schatten stellte sich gewissermaßen den Eingeweihten dar. Es mussten ihnen allerlei schreckliche Gestalten erscheinen, von welchen sie sogar ergriffen, und in der Dunkelheit geschlagen und herum geschleppt wurden. Sie hörten das klägliche Winseln und Heulen derer, die in den Qualen des Orkus gestraft wurden. Alles, was bei dieser Gelegenheit nur die Seele mit Schrecken und Furcht erfüllen konnte, wurde in Anwendung gebracht. Die Heiden nahmen einen Mittelzustand an, in welchem diejenigen geläutert wurden, die sich zwar nicht solcher Verbrechen schuldig gemacht hatten, welche die Strafen des Tartarus verdienten, aber doch auch nicht so rein waren, um an den Freuden des Elysiums Anteil zu haben. In diesem traurigen Aufenthalt befanden sich diejenigen, die sich selbst das Leben genommen, desgleichen die Kinder, deren Tage zu früh abgekürzt wurden. Das Winseln dieser unglücklichen Seelen war es, das Aeneas bei seinem Eingang ins Reich der Schatten hörte. (Warburton am a.D. p.324) Endlich nach diesen schaudervollen Vorstellungen eröffneten sich die lichten und angenehmen Gegenden des Elysiums. Man sah die reizenden Gefilde, und die in denselben wandelnden glücklichen Seelen, und wie sie in den verschiedenen Arten von Seeligkeiten den Lohn ihrer Tugenden empfingen. Man hörte die auserlesenste Musik, die reizenden Stimmen, und so viel Kunst man vorhin angewandt hatte, Schrecken und Bangigkeit in der Seele zu erzeugen, eben so viel ward nun auch angewandt, um sie mit der größten Freude zu erfüllen. Wenn daher Themistius beim Stobäus von den Seeligkeiten des zukünftigen Lebens eine Vorstellung machen will, so weiß er es nicht besser und eindringlicher zu machen, als dass er sie selbst mit den Mysterien vergleicht, und sagt, dass die Seeligen in jenem Leben mit heiligen und tugendhaften Menschen die heiligen Geheimnisse feiern würde. (Stobaeus Sarmo CXVII. fol. 515 edit. Tigur.)

Dass die großen Wahrheiten von einem zukünftigen Zustand in den Mysterien gelehrt wurde, leidet nicht den geringsten Zweifel. Porphyr sagt dies nicht nur von den sogenannten Mithras-Geheimnissen der Perser (De Abstinentia. Lib. IV. 16.); sondern Cicero sagt es ausdrücklich auch von allen Mysterien überhaupt (Ciceeonis opp. Tom. IV. p. 60.61. in Fragmentis Edit. Ernesti.), und Celsus führt noch zu seinen Zeiten den Origenes auf eben die Mysterien, um ihn davon zu überzeugen, dass die Lehren von zukünftigen Strafen und Belohnungen keineswegs etwas unbekanntes bei ihnen wären. Dass man ferner hievon dramatische Vorstellungen gegeben, um der Sinnlichkeit der Menschen zu Hilfe zu kommen, und ihnen desto tiefer diese Wahrheiten einzuprägen, ist gleichfalls keinem Zweifel ausgesetzt. Aber wie erklärte man sich über diese Sachen? Dies ist eine Frage, die ungemein schwer zu beantworten ist. Wollte man sagen, man hätte in diesem religiösen Drama einesteils die Qualen des Tantalus, Sisyphus, des Irion, und andern Teils die seligen Seelen an den Tafeln der Götter vorgestellt: wozu alle diese Anstalten? Wozu die Zubereitungen? Wozu das Versprechen des Stillschweigens und tausend andere Dinge? Alsdann hätten die Mysterien in der Tat nichts enthalten, was nicht alle, die nur etwas die Dichter gelesen hatten, schon längst gewusst hätten. Niemand hätte der Einweihung bedurft, die ihn gewiß nichts bessers gewährte, als was er schon längst erkannt hatte. Wollte man im Gegenteil sagen, dass man die Fabeln der Dichter als Lügen wiederlegt; so wären schon die kleinen Geheimnisse damit beschäftigt gewesen, die Fabel- oder Dichterreligion, welche die Religion des gemeinen Haufens war, umzustürzen. Das konnte aber auch unmöglich angehen. Man findet auch hievon das gerade Gegenteil darin, dass man in den kleinen Mysterien die Geschichte und Taten der Götter dramatisch vorstellte, unter deren Schutz sie standen. Der einzige Mittelweg, der hier ausgefunden werden kann, ist vermutlich dieser, dass man dasjenige, was die Fabellehre der Dichter über diesen Punkt vortrug, an und für sich selbst stehen ließ, aber darüber bessere und der Vernunft angemessnere Erklärungen gab, und die Erzählungen vom Sisyphus, Tantalus, von den Freuden des Elysiums nur als Bilder angab, hinter welchen die Wahrheit verborgen läge. Auf solche Weise blieb beides stehen. Ich wüsste auch nicht leicht eine Stelle unter den Alten, die diesem entgegen wäre. Es sagt kein einziger, dass man bei den dramatischen Vorstellungen Stücke aus den Fabeln der Dichter von dem zukünftigen Zustand vorgestellt hätte. Dies wird noch dadurch bekräftigt, dass Celsus ausdrücklich in diesem Stück die Bilder der Dichter und ihren Erzählungen den Erklärungen entgegensetzt, die hierüber in den Geheimnissen gegeben wurden.

Eins kann ich bei dieser Gelegenheit nicht vorbei lassen, und das betrifft die Lehre von dem mittlern Zustand, die in diesen Mysterien vorgetragen wurde. Hiervon redete die Fabel gar nicht. Dies war also ein gänzlich neuer Aufschluss, den man erhielt. Da man in diesen Zustand vornämlich Kinder verwieß, die vor der Zeit gestorben waren; so siehet man leicht, wie wichtig und notwendig diese Lehre für ein Volk sein musste, bei welchem die Aussetzung der Kinder so gewöhnlich war, als bei den Griechen.

Nachdem dieses geschehen, ward der Vorhang weggezogen, und den Eingeweihten die Natur der Gottheit gezeigt. Die Beschreibungen hievon sind außerordentlich, aber eben so unverständlich. Sie reden von einem göttlichen Licht, das dieselben umgeben hätte. Hier mögte noch wohl das Spiel der Maschinen wirksam gewesen sein. Aber unbegreiflich ist doch, was über Nous gewesen, der, nach dem Themistius, statt der Finsternis hervorgestiegen. (Meiners a.a.D. p. 278) Dass man heilige Bilder von Göttern gehabt, die man den Uneingeweihten nicht gezeigt, sondern nur allein den Geweihten bei ihrer Einweihung vorgewiesen, ist aus den unten angeführten Stellen des Pausanias offenbar. (Pausanias in Atticis Cap. XIV. in Arcad. CXV.) Aber was es mit diesen Statuen für eine Bewandnis gehabt, ist unbekannt. Apuleius redet sogar von einem Bilde der Isis, das weder einem Vieh, noch einem Vogel, noch einem wilden Tier, noch einem Menschen ähnlich gewesen (Metamorph. Lib. XI.). Hier bleibt also immer sehr vieles unerklärlich. Vielleicht waren auch in diesem Stück die kleinen Mysterien das Vorspiel der größeren.

Warburton führt noch die Formel an, mit welcher die Eingeweihten, wenn die Einweihung vollendet war, auseinander gelassen wurden. Das waren die Wörter: ***** *****. Und er merkt hierbei an, diese beiden barbarischen Wörter bewiesen, dass die Geheimnisse keinen griechischen Ursprung gehabt. Le Clerc hat geglaubt, sie wären phönizisch, und müssten „Kots Omphats“ ausgesprochen werden, welches so viel heißen soll, als: „Wache und enthalte dich vom Übel (Warburton a.a.D. p.230). Aber woher diese phönizischen Wörter in griechischen Mysterien, da es gewiß ist, dass die Griechen nicht von den Phöniziern, sondern von den Ägyptern ihre Geheimnisse erhalten? Wo überdem schon eine solche Verdrehung der Wörter angenommen wird, da wird es nicht schwer sein, aus einer jeden beliebigen Sprache denselben eine Bedeutung zu geben. Hätte Le Clerc die kurische Sprache gekannt, so hätte er sich nicht einmal die Mühe geben dürfen. Er hätte weit leichter die Bedeutung finden können. Denn „Kungs“ heißt im kurischen „Herr“. Vielleicht entsteht einmal ein gelehrter Kurländer, der aus seiner Muttersprache die Dunkelheit aufklärt, die Hesychius nicht zu erhellen im Stande gewesen ist.

Die Feier dieser Mysterien dauerte verschiedene Tage nacheinander. Meursius meint 9 Tage, und gibt auch die Feierlichkeiten an, die an einem jeden Tage vorgingen. Die Nächte waren insgesamt der Feier der Geheimnisse geweiht: an den Tagen aber wurden Opfer gebracht, Prozessionen gehalten, und Spiele und Tänze angestellt. Bei den Spielen ward immer auf die Geschichte der Gottheit Rücksicht genommen, und bei den Prozessionen wurden die geheimnisvollen Geräte, Symbole, Bilder, und andre dergleichen Dinge herumgetragen. Die Tänze waren so allgemein, dass Lucian sagt, man werde keine einzige alte Einweihung finden, bei welcher nicht Tänze und heilige Gesänge üblich gewesen. (Lucian de Saltat. opp. Tom. II. p.277) Die Eingeweihten erschienen bei dieser Gelegenheit in neuen Kleidern, die ihnen bei ihrer Einweihung waren angelegt worden. Apuleius beschreibt das Kleid, das ihm in der Einweihung angelegt wurde. Es bestand aus zwölf Gewändern, die von ägyptischer Leinwand, und bunt bemalt waren, wobei ein köstlicher Mantel, der bis auf die Schenkel reichte, und auf welchem indische Drachen und hyperboreische Gryphen gemalt waren, ihm von den Schultern herabhing. Auf seinem Kopf hatt er einen Kranz aus Palmenblättern, und in der rechten Hand eine brennende Fackel, und so ward er an die Stelle des Bildes der Gottheit hingestellt, und, nach aufgezognen Vorhängen, dem Volk gezeigt. (Apuleji Metamorph. Lib. XI. p. 269) Aber es ist aus der Menge derer, die zu den kleinen eleusinischen Geheimnissen eingeweiht wurden, sichtbar, dass man unmöglich mit allen diese Umstände machen können. Es waren unstreitig Kleider von geringern Wert, und vermutlich solche, die sich von den gewöhnlichen nicht unterschieden: denn einige trugen sie so lange, als noch ein Stück davon übrig war. Aller Wahrscheinlichkeit nach haben die weißen Kleider, welche die Neugetauften ehemals nach ihrer Taufe trugen, hieraus ihren Ursprung. Denn ehe die Disciplina Arcani bei den Christen eingeführt wurde, findet man hievon nicht die geringste Spur.

So waren die kleinen eleusinischen Mysterien beschaffen. Es ist freilich außer allem Zweifel gesetzt, dass die andern Mysterien, wegen der Verschiedenheit der Götter, denen sie geweiht waren, in vielen Stücken von ihnen abgegangen; aber solches betraf nur die dramatischen Vorstellungen von den verschiedenen Schicksalen der Gottheit, und die Opfer, Spiele und Prozessionen. Im wesentlichen stimmen sie alle miteinander überein, und dieses wesentliche war die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, und von den Strafen und Belohnungen des zukünftigen Lebens. Meiners meint zwar, dass die Unsterblichkeit der Seele nur in den bacchischen Orgien gelehrt wurde außer den eleusinischen Geheimnissen. Aber Porphyr sagt es auch von den Mythra-Geheimnissen. Aus dem, was Apuleius von seiner Einweihung erzählt, sieht man, dass dieses auch in den Mysterien der Isis der Gegenstand gewesen, und man kann daher mit vieler Wahrscheinlichkeit schließen, dass alle in diesem Stück mit einander übereingestimmt, wenn sie auch in andern Stücken voneinander verschieden gewesen.

Es fragt sich noch, ob auch moralische Vorschriften bei dieser Gelegenheit gegeben wurden? Die dramatischen Vorstellungen waren gewissermaßen schon selbst Unterricht, ein Unterricht, der der Sinnlichkeit des gemeinen Mannes angemessen, und um desto eindringlicher war. Es ist auch wahr, dass man im äußern und in den Zeremonien fast alles gesagt, dergestalt, dass man ohne die Einweihung auch den tugendhaftesten Menschen kein glückliches Schicksal in der Zukunft versprach. Dennoch aber würde es widersprechend gewesen sein, wenn man zwar künftige Strafen und Belohnungen gelehrt, aber nicht zugleich die Mittel angegeben hätte, wodurch man jene vermeiden, und dieser teilhaftig werden könne.

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