Über die alten und neuen Mysterien – 10 – Von den Orphikern und Pythagoräern


cropped-pompeii-villa-of-mystery-3Orpheus wird insgemein in der alten Welt als der Vater der Geheimnisse angesehen. Der Dichter der Geheimnisse war er wenigstens: Denn in sehr vielen Mysterien wurden bei der Einweihung Lieder des Orpheus gesungen. Ich übergehe hier die ganze Untersuchung, wer dieser Orpheus gewesen? Svidas macht ihrer sieben namhaft. Diese ganze Untersuchung grenzt gewissermaßen schon ans Reich der Fabel. Indessen wird Orpheus, der Thrazier, allgemein als derjenige angesehen, der zuerst die Griechen in der Erkenntnis der Götter, und in den Geheimnissen unterrichet, und diese allgemeine Meinung der Alten wird noch dadurch bestärkt, dass man durchgängig bei den Mysterien der Griechen orphische Lieder gesungen. (Pausanias Lib. I. cap.30) Aristoteles zog es schon zu seinen Zeiten in Zweifel, ob jemals ein Orpheus in der Welt gewesen? Aber seine Zweifel sind nicht vermögend, das einmütige Zeugnis des ganzen Altertums zu überstimmen; sondern man sieht nur daraus, dass eine ausgemachte historische Wahrheit mit dem Fortgang der Zeit immer etwas verliert, bis sie endlich ganz wankend und zweifelhaft wird. Eben die allgemeine Sage der Alten erklärt sich auch dafür, dass Orpheus die Geheimnisse aus Ägypten geholt, und sie von da nach Griechenland und Thrazien gebracht habe. Hält man die orphische Lehre mit den alten ägyptischen zusammen, so wird diese Sage ungemein bekräftigt, so wenig es auch geleugnet werden kann, dass die neuern Philosophen unter den Griechen die ursprüngliche orphische Lehre sehr verfälscht haben.

Die Mysterien der Griechen, die Orpheus aus Ägypten dahin überbrachte, können eigentlich als eine Schule dieses alten Mystagogen angesehen werden. Außerdem aber hat es Orphiker in der alten Welt gegeben, die vielleicht einer genauern Untersuchung würdig sind, wenigstens dieselbe eben so sehr verdienen, und mit den Mysterien eben so nahe verwandt sind, als die Pythagoräer, von welchen ich bald reden werde.

Fast alle Alten, die des Orpheus gedenken, machen ihn nicht nur zum Erfinder der Mysterien bei den Griechen und Thraziern, sondern auch zum Stifter einer besonderen Sekte, oder Schule. Zu den Zeiten des Theseus war dieselbe unter der Griechen vorhanden, und scheint entweder von den anderen griechischen philosophischen Schulen, oder doch gewiß von der pythagorischen verschlungen zu sein.

So viel man aus den kleinen Spuren, die hievon noch vorhanden sind, schließen kann, so hatten die Orphiker eine gewisse Lebensart unter sich eingeführt, wodurch sie sich von ihren Zeitgenossen unterschieden, und welche man das orphische Leben zu nennen pflegte. So viel man aus dem Platon siehet, so enthielten sie sich vom Essen alles dessen, was ein Leben gehabt hatte. Sie gingen hierin so weit, dass sie nicht einmal den Göttern Tiere opferten, sondern ihnen nur bloß Oblationen von Früchten, Kuchen und Honig brachten. (Plato de Legib. Lib. VI. p.782 und in Epinom. p.975) Alles Blut wurde von ihnen für eine Art von Befleckung gehalten, es mogte nun von Menschen genossen, oder an den Altären der Götter vergossen werden.

Fraguier glaubt, dass Orpheus durch dieses Gesetz seine Landesleute von der wilden Gewohnheit, menschliche Opfer den Göttern darzubringen, und ihre im Kriege überwundenen Feinde aufzufressen, habe durchzubringen gesucht. (Abhandlungen der Pariser Akademie der Inschriften. I. Band. p.126) Aber wenn man sich erinnert, dass dieses bei allen den Völkern üblich gewesen, welche die Lehre von der Seelenwanderung angenommen, und das Orpheus alle seine Lehren und Einrichtungen aus Ägypten entlehnet, wo eben diese Lehre angenommen war, so wird man gar bald entdecken, dass nichts anders, als die Meinung von der Seelenwanderung, zu dieser Enthaltsamkeit von allem Fleischessen bei den Orphikern Gelegenheit gegeben.

In des Euripides Hippolyt findet man ein genaues Bild eines Orphikers in der Person des Hippolyts vorgestellt, nach welchem man im Stande ist, sich ziemlich richtige Begriffe zu machen, was es mit diesen Mystikern des höchsten griechischen Altertums für eine Beschaffenheit gehabt haben muss. „Du bist also“, sagt Theseus zum Hippolyt, „der vorzügliche Mensch, der mit den Göttern einen genauen Umgang hat, du bist also der Weise und Untadelhafte. ich werde gewiß nicht deinen eitlen Prahlereien weiter glauben: die Götter würden sehr töricht handeln, wenn sie mit dir einen genauen Umgang haben sollten. Hintergehe uns noch ferner durch deine Enthaltung vom Fleischessen, gib dich noch ferner für einen Begeisterten, als ein Schüler des Orpheus aus, und rühme dich mit dem Dunst vieler Wissenschaften, da du nun auf der Tat ertappt bist.“ (Euripid. Hippolyt v.948)

Aus dieser Stelle sieht man nicht nur, dass die Orphiker, durch Enthaltung vom Fleischessen, sich von anderen Menschen zu unterscheiden gesucht, sondern dass sie auch für reiner und heiliger, als andre, gehalten sein wollen. Was man sich von einer solchen vorzüglichen Reinigkeit versprach, war nichts geringeres, als das Anschauen der Götter, oder der nähere Umgang mit denselben, den man insgemein die Theorie zu nennen pflegte. Außerdem sieht man auch hier in der Person des Orphikers einen Menschen, der sich gerühmet, in dem Besitz außerordentlicher Wissenschaften zu sein, und den Begeisterten gemacht, auf den die Götter besonders gewirkt, und der auch ihrer Einsprechungen gewürdigt worden.

Dieses alles sind Züge, die den ägyptischen Ursprung dieser orphischen Schule deutlich verraten, und von hier aus kann man sich auch schon einen Begriff machen, was es für Wissenschaften gewesen, in deren Besitz die Orphiker zu sein sich gerühmt haben. Ich will wohl glauben, was Herr Hofrat Hinne zu der Stelle des Euripides angemerkt, dass Euripides nämlich zu seinen Sätzen, die er dem Hippolyt beigelegt, offenbar keine andre Quellen, als die pythagorische Philosophie gehabt habe. (Abhandl. der Akad. der Inschr. I. p.131) Aber dennoch führt hier Euripides nicht einen Pythagoräer auf, dergleichen zu Hippolyts Zeiten nicht gedacht werden konnten, und bei dessen Aufführung der Dichter wieder die Zeitordnung verstoßen haben würde, sondern einen Orphiker. Dass aber zwischen beider Lehren und Verhalten eine so große Übereinstimmung herrscht, kommt daher, weil beide, Orpheus und Pythagoras, aus einer und derselben Quelle geschöpft hatten, nämlich aus dem Ägyptiazismus.

Eine andre mysteriöse Schule der Alten machen die sogenannten Pythagoräer aus. Ich verbinde sie nicht nur um deswillen mit den Orphikern, weil es gewiß ist, dass beide ihre Lehren und Einrichtungen von den Ägyptern entlehnet, sondern weil auch wirklich die Pythagoräer ihre Lehre für orphisch ausgegeben haben. Jamblich lässt nicht nur den Pythagoras sagen, dass er sich zu Libethra in Thrakien durch den Aglaophemus habe einweihen lassen; (Jamblich in vita Pythagorae p.135) sondern auch Herodot bekräftigt dieses, und sagt, dass die Bachiker und Orphiker mit den Pythagoräern eines, nämlich ägyptischen Ursprungs wären. (Herodot Lib. II. p.134)

Die Nachrichten, die wir von dem Leben des Pythagoras haben, sind mit sehr vielen sonderbaren Umständen vergesellschaftet, so dass man oft in Versuchung gerät, sie für einen Roman zu halten. Heraklides Ponticus, sein erster Geschichtschreiber, lebte erst 200 Jahre nach ihm, und sammelte seine Nachrichten aus mündlichen Sagen. Bei der großen Hochachtung, worin dieser Philosoph stand, und bei der Neigung der Menschen, von denen, die man hochschätzt, auch recht viel Wunderbares zu erzählen, ist es also kein Wunder, dass manches sonderbare in die Lebensgeschichte desselben hineingekommen. Jamblich und Porphyr, und alle platonischen Philosophen aus der alexandrinischen Schule, hatten nächst der außerordentlichen Hochachtung für den Pythagoras, einen großen Hang zum Wunderbaren. Was wird nicht bei den neuen Platonikern vom Plotin erzählt! Überhaupt sind die Männer, die bei diesem Philosophen in Ansehen stunden, nichts geringers, als Seher, Begeisterte, und Wundertäter. Dennoch kann man ungemein vieles, was vom Pythagoras, seiner Lehre, und der Einrichtung seiner Schule gesagt wird, nicht in Zweifel ziehen, ohne das allgemeine Ansehen aller Alten zu verwerfen, und wenn man bedenkt, wo Pythagoras geschöpft, und nach welchem Muster er seine Schule zu bilden gesucht, so wird manches romanhafte von selbst wegfallen.

Zu den Zeiten dieses Philosophen waren die Ägypter, wegen ihrer ausgebreiteten Kenntnisse, allgemein berühmt. Die ionische Schule, in welcher Pythagoras zuerst unterrichtet wurde, hatte aus Ägypten ihren Ursprung. Hiedurch, und wie Jamblich sagt, vom Thales selbst, ward Pythagoras bewogen, nach Ägypten zu reisen, und sich von den Priestern zu Memphis und Theben in den Wissenschaften unterrichten zu lassen. (Jamblich. de vita Pythag. p.9) Auf dieser Reise ging er erst nach Phönizien, wie eben dieser Schriftsteller sagt, und ließ sich zu Biblos und Tyros einweihen. Ich will wohl glauben, was Meiners sagt, (Versuch einer Religionsgesch. p.303) dass Pythagoras ein religiöser Schwärmer gewesen, der auf heilige Abenteuer ausgegangen, und alle Tempel durchkrochen hatte. Aber darum folgt noch nicht, dass es ihm mehr zum Aberglauben, als wahre Wissenschaften zu tun gewesen. Denn in welchen Händen war damals alles wissenschaftliche Erkenntnis bei den Ägyptern und andern ähnlichen Völkern, als in den Händen der Priesterschaft? Und waren nicht in den großen Mysterien, wie Meiners selbst angibt, wissenschaftliche Erkenntnisse enthalten?

In Ägypten blieb Pythagoraus ganze 22 Jahre, und genoß daselbst des Unterrichts der Priester von Memphis und Theben, nachdem er alle die schweren Prüfungen überstanden hatte, die sie mit denen vorzunehmen gewohnt waren, welchen sie zu ihren Geheimnissen einen Zugang gestatten wollten. (Porphyr de vita Pythagorae p.10) Clemens von Alexandrien sagt sogar, dass er sich habe müssen beschneiden lassen: denn dazu waren die Priester, und alle, welche an ihren Geheimnissen Anteil haben wollten, genötigt. (Alexandrid.ap.Athenaeum.L.VII.p.300. Horapollo Hieroglyph. L.I.c.14. Cyrillus adv. Jul. Lib. IX. p.298. Clem Alex. Stromat. L.I.p.302) Nach einem so langen Aufenthalt in Ägypten ging er nach Chaldäa und Persien, und ließ sich daselbst auch von den Magiern unterrichten. Dies sagen nicht nur Jamblich und Porphyr, sondern auch schon Cicero. (Cicero Lib. V. de Finibus) Und mit diesen Kenntnissen bereichert kehrt endlich Pythagoras nach Samos in sein Vaterland zurück. Als er aber daselbst keine Aufnahme nach seinem Geschmack fand, errichtete er im untern Teil von Italien eine Schule, die nachmals so außerordentlich berühmt gewesen, und aus welcher ungemein viele große Männer hervorgegangen sind. Vielleicht würde der Platonismus nie so berühmt gewesen sein, wenn nicht Plato so vieles aus den Quellen der Pythagoräer geschöpft, und in sein System aufgenommen hätte.

Man mag über den Pythagoras denken wie man will, man mag ihn für einen so großen Schwärmer halten, als nur einer in seinen Zeiten existieren konnte; so bleibt er doch immer ein merkwürdiger und großer Mann. Es gehört immer ein gewisser Enthusiasmus, und eine besondere Stimmung der menschlichen Seele dazu, wenn man im Stande ist, solche Reisen zu unternehmen, und sich solchen Gefahren und Schwierigkeiten zu unterwerfen, als von ihm geschehen, um zu wissenschaftlichen Kenntnissen zu gelangen. Aber unglaublich ist um deswillen diese ganze Geschichte gar nicht. Wer nach ein paar 100 Jahren Anquetils Geschichte lesen sollte, würde vielleicht eben so viel abenteuerliches darin finden, als in der Geschichte des Pythagoras: indessen wissen wir doch, dass alles das wirklich geschehen ist.

Die Schule, welche Pythagoras in Niederitalien errichtete, hat ganz das Gepräge von Ägypten. Einen Priesterorden, oder vielmehr ein priesterliches Geschlecht zu bilden, an welchem seine Kenntnisse, wie in Ägypten, gebunden sein mögten, das ging nach der ganzen äußern Lage, worin sich dieser Mann befand, nicht an. Die ganze heidnische Priesterschaft in Italien würde sich dagegen gesetzt haben. Das Priestertum war unter den Griechen nicht an ein besonderes Geschlecht gebunden. Aber das ist bekannt, dass Pythagoras und seine Schüler immer geneigt gewesen sind, die Staatsverfassungen nach ihrem Sinn umzubilden, und dass auch solches die vornehmste Veranlassung zur Unterdrückung dieser Sekte gewesen ist. Um nun zu seinem Endzweck zu gelangen, stiftete er eine philosophische Schule. Er teilte aber, wie Origenes sagt (Origenes Fragm. de Philos. *****), seine Schüler in zwei Klassen. Die eine nannte er die innere, die andre die äußere. Jenen vertraute er seine vollkommnen und erhabensten Lehren, diesen aber die gemeineren Lehren, die für jedermann waren. Diesen letztern gab er auf öffentlichen Plätzen unterricht, wie es überhaupt bei den griechischen Philosophen gebräuchlich war. Von diesen ist hier nicht die Rede, sondern von den erstern, die man als die eigentliche Schule der Geheimnisse ansehen kann, die von diesem Philosophen errichtet wurden.

Diese innere Schule war gewissermaßen Gattung von Mönchen oder Koinobiten. Die vornehmsten Sitze der Pythagoräer im niedern Italien waren folgende sieben Städte, Croton, Sybaris, Katanea, Rhegium, Himera, Agrigent und Thauromenium, (Porphyr de vita Pytha. p.29) und es ist wahrscheinlich, dass in einer jeden dieser sieben Städte ein solches Collegium von philosophischen Koinobiten von ihm gestiftet worden. Diese innere Schule war, so viel nach Beschaffenheit der Umstände geschehen konnte, nach dem Muster der Ägypter eingerichtet. So wie die äußeren Schüler von den inneren unterschieden waren, so gab es unter diesen wieder verschiedene Klassen. Eigentlich waren deren drei. Wer in diese Gesellschaft trat, befand sich erst drei Jahre hindurch in einem Stand der Prüfung, worinnen man auf verschiedene Weise geprüft, und an die nachmals zu führende Lebensart gewöhnet wurde. Es scheint, dass der Neuling hier besonders gewissen moralischen Vorschriften unterworfen gewesen. Man suchte nicht nur seine Standhaftigkeit auf die Probe zu setzen, sondern auch vornehmlich alle eitle Ruhmsucht aus seinem Herzen zu verbannen, und die Seele mit Begierde nach Wahrheit zu erfüllen. (Jamblich a.a.O. p.59) Zwei Stücke sind hiebei merkwürdig. Erstlich dieses, dass Pythagoras auf die körperliche Bildung derer, die in seine Gesellschaft traten, vorzügliche Rücksicht nahm. Hiernächst, dass er allen die Musik empfahl. Alle seine Schüler waren gewissermaßen Tonkünstler. Musik und Moral waren die ersten Stücke, worinnen sie unterrichtet wurden, und wer zur Musik untüchtig war, war auch mithin ungeschickt, ein Pythagoräer zu sein. Hierin ging Pythagoras von seinen Lehrmeistern, den Ägyptern, gänzlich ab. Aber ich glaube, er hatte Recht, wenn er diese Kunst für das beste äußere Mittel ansahe, das Herz zu weichen, sanften, und erhabenen Empfindungen zu stimmen. Ich weiß nicht, was eine Sozietät sich von einem Mitglied versprechen kann, dessen ganzes Herz der Harmonie verschlossen ist.

Wenn man drei Jahre sich in diesem Zustand der Vorbereitung befunden hatte, so wurde man unter die Zahl der Zuhörer aufgenommen. Auf dieser Stufe genossen sie schon seines Unterrichts, aber dergestalt, dass er nicht von ihnen gesehen wurde, sondern durch einen Vorhang von ihnen abgesondert war. Dieser ganze Unterricht war symbolisch, und in verblümten Ausdrücken vorgetragen. Von dieser Stufe fing sich schon das tiefste Stillschweigen an, und die Schule des Pythagoras gewann die förmliche Gestalt der Geheimnisse. Man war aber nicht nur verpflichtet, keinem Fremden das mindeste von demjenigen bekannt zu machen, was man hier erlernte; sondern es fiel auch dasjenige weg, was in andern Schulen der griechischen Philosophen üblich war, dass die Schüler ihrem Lehrmeister Einwürfe machten. Dieser Zustand dauerte fünf Jahre.

Wenn diese Zeit vorbei war, genoß man seines vollkommnen Unterrichts, man ward ein Wissender, Unterrichteter, (*****), der Vorhang trennte diese Schüler nicht mehr von ihrem Lehrer, sondern sie genossen seines ungehinderten Anblicks, und seines unverhüllten deutlichen Unterrichts.

Wenn man in die Klasse der Zuhörer trat, so brachte man, wie es scheint, eine gewisse Aussteuer mit, die man dem Ökonomen der Kommune zur Verwaltung übergab, und wovon wahrscheinlicher Weise die ganze Sozietät unterhalten wurde. Wenn sie nun bei den Prüfungen und Zubereitungen, die während der fünf Jahre mit ihnen vorgenommen wurden, nicht tüchtig genug gefunden wurden, in der Gesellschaft zu bleiben, oder sich auf andre Weise derselben unwürdig machten; so gab man ihnen ihr Eingebrachtes gedoppelt wieder zurück: Man setzte ihnen ein Denkmal, als einem Toten, man sah sie für die ganze Zukunft als gänzlich abgestorbne Glieder an, und behandelte sie, wenn man sie irgendwo antraf, als gänzlich Fremde, die niemals zu dieser Sozietät gehört hatten. (Jamblich a.a.O. p.60)

Worin die Proben bestanden, die man mit den Zuhörenden während der fünf Jahren vornahm, ist unbekannt; aber Jamblich nennt sie ***** und *****, woraus so viel abzunehmen ist, dass sie mit den Prüfungen, die in den Orgien und andern Geheimnissen vorgenommen wurden, eine Übereinstimmung gehabt haben müssen.

Wie es scheint, so hatten sie gewisse Merkmale, woran sie sich untereinander kannten, und sie stunden in besonderer Verbindlichkeit, einander zu helfen. Ein Pythagoräer ward in einer Stadt krank, die von seiner Heimat entfernt war, und fand sich bei seinem Tode nicht im Stande, seinem Wirt die Mühe zu vergelten, die derselbe bei seiner Krankheit für ihn getragen hatte. Er gab daher seinem Wirt ein paar Täfelchen, und befahl ihm, selbige an einem solchen Ort in der Stadt aufzuhängen,  wo sie am ersten von einem Durchreisenden gesehen werden könnten. Der Wirt vollzog den Willen des Sterbenden, ohne eben auf den Erfolg sehr zu rechnen. Aber ungefähr einen Monat darauf reiste ein anderer Pythagoräer durch denselben Ort, und ward die Täfelchen ansichtig. Er eilte daher sogleich zu dem Wirt, der sich seines verstorbenen Mitbruders angenommen hatte, bezahlte ihn reichlich, und überhäufte ihn mit Lob und Danksagungen, und tat also was jenem unmöglich gewesen war. (Jamblich a.a.O. p.191)

So war die phytagorische Sekte ihrer äußern Einrichtung nach beschaffen. Die Lebensart, welche die Pythagoräer in ihren Konventen führten, war ganz im Geschmack der ägyptischen Priester. Sie trugen Kleider von weißer Leinwand. Wollene Kleider hielten sie für unrein, und waren daher bei ihnen zu tragen nicht erlaubt. Die weiße Farbe war bei ihnen das Bild des Guten, so wie die schwarze Farbe das Bild des Bösen. (Diog. Laert. Lib. VIII. num. 19) Auf die Jagd zu gehen, war ihnen gänzlich verboten; indessen unterließen sie andre Leibesübungen nicht, als das Ringen, Laufen, Kugelwerfen, und was sonst bei den Alten gewöhnlich war, um den Körper stark zu machen, und alle Morgen und Abend machten sie sich Bewegung durch Spazierengehen. In ihrer ganzen Lebensart waren sie an eine gewissen Diät gebunden, die von ihm vorgeschrieben war, und wobei er immer auf seine Lehren eine gewisse Rücksicht genommen hatte. Ihre Speisen bestunden in Brot, Honig, Früchten und Gemüse. Bohnen aber und Hülsenfrüchte waren hievon gänzlich ausgeschlossen. Dies alles war vollkommen nach dem Muster der Ägypter. (Plutarch de Isid. & Osirisd. c.5. und in Sympos. Problem. 10.) Sehr selten aßen sie Fische und Seegewächse. Auch dieses war aus der ägyptischen Disziplin hergenommen. Aber in Ansehung des Weintrinkens ging Pythagoras von gedachter Disziplin ab, vielleicht weil er wusste, dass dieses Verbot bei den Ägyptern nur eigentlich politisch gewesen; doch tranken die Pythagoräer nur des Abends Wein bei ihren Mahlzeiten. Sie bedienten sich täglich des Bades: Es war ihnen aber nicht erlaubt, in eine öffentliche Badstube zu gehen, worin sich andere gebadet hatten, damit sie nicht verunreinigt würden. Man sieht aus diesen Zügen, dass Pythagoras durchgängig darauf bedacht gewesen, seine Schüler außer aller Verbindung mit andern Menschen zu setzen. Dies ging sogar bis auf ihre gottesdienstliche Verehrung, indem sie an blutigen Opfern gar keinen Anteil nahmen.

So sah die sonderbare Sozietät aus, die Phythagoras errichtete. Sie ist einer Mönchsgesellschaft vollkommen ähnlich, und ich glaube, das man nicht ganz unrecht tut, wenn man die Pythagoräer die Kartäuser des Heidentums nennt. Indessen macht die äußere Form diese Stiftung nicht unglaublich. Es hat zu allen Zeiten Menschen gegeben, deren Verstand eine sonderbare Richtung genommen hat. Pythagoras hatte das Bild der Ägypter vor sich, das er genau zu kopieren suchte, und da die Religion, Staatsverfassung, und viele andre Dinge ihn hinderten, sein Bild dem Original vollkommen gleich zu machen, so konnte seine Sozietät natürlicher Weise keine andre Gestalt erlangen.

Sein Unterricht, den er den Zuhörern erteilte, war, wie ich schon vorhin angemerkt, symbolisch. Dieses erstreckte sich sogar bis auf die sittlichen Vorschriften, die er gab, und von welchen uns Diogenes Laertius, Jamblich und Porphyr verschiedenes aufbehalten haben. Die innere Lehre der Pythagoräer aber war im Grunde genommen eben dasselbe, was in den Mysterien vorgetragen wurde. Die Theologie der Pythagoräer war eben sowohl, als diejenige, die in den Mysterien vorgetragen wurde, eine Antithese der Volksreligion: denn Pythagoras lehrte gleichfalls das Dasein eines höchsten Wesens, welches er bald die Monas, bald die Tetras, bald die Tetraktys nannte, und seine eignen Schüler sagen, dass er in seiner Lehre von den Göttern einiges von den Orphikern, einiges von den ägytischen Priestern, von den Chaldäern, Magiern, und aus den eleusinischen und samothrakischen Geheimnissen entlehnt habe. (Jamblich a.a.O. p.127.128) Hieraus kann man schließen, was hier für Lehren vorgetragen sind. Er empfohl dabei nebenher die Verehrung der Götter und der Helden. Dies gibt den Schlüssel zu seiner ganzen Dämonenlehre, und Jamblich sagt von ihm eben das, was man sonst von den großen eleusinischen Geheimnissen zu sagen pflegte, dass man nämlich in seinem Unterricht zu genauen und richtigen Begriffen von den Göttern gelange. Alle Phytagoräer waren auch Freunde von der Theorie und Theurgie, und vornehmlich verschiedene Arten von Divinationen. (Diog. Laert. Lib. VIII. num.20) Außerdem legten sich die Pythagoräer auf Naturlehre, Astronomie, Astrologie, Geometrie, und verschiedene andre Teile verwandter Gelehrsamkeit. Jamblich sagt überhaupt, dass nichts ins Fach menschlicher Wissenschaften gehören könne, was nicht in den Schriften der Pythagoräer nach allen Teilen aufs genaueste vorgetragen worden. Eben so sehr gaben sich die Pythagoräer mit der Medizin ab. (Jamblich a.a.O. p.139) Beim Porphyr und Jamblich findet man verschiedene sehr fabelhafte Erzählungen von den Wundern des Pythagoras ganz im Geschmack der alexandrinischen Platoniker. Aber, obgleich diese Erzählungen von der Art sind, dass man ihnen wohl nicht leicht Glauben beimessen wird, so haben dergleichen Geschichten dennoch Gelegenheit gegeben, den Pythagoras in das Verzeichnis der Zauberer zu setzen. Wer erinnert sich hier nicht an die ägyptischen Gelehrten, die gleichfalls für Zauberer gehalten worden, und an den Apuleius, der förmlich dieses Verbrechens wegen angeklagt wurde? Naude hat seine Verteidigung übernommen. (Naude Verteidigung großer Männer. Kap. XV. p.215)

So viel seltsames man bei der pythagorischen Schule antrifft, so ist es doch immer zu bedauern, dass davon keine schriftlichen Aufsätze bis auf uns gekommen sind. Jamblich sagt, dass in dieser Schule alles mündlich als göttliche Geheimnisse fortgepflanzt wurden. Indessen erhandelte doch Platon einige Schriften der Pythagoräer. Aber von allen diesen sind jetzt fast gar keine zuverlässigen Spuren übrig geblieben.

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