Über die alten und neuen Mysterien – 12 – Vom Verfall der Mysterien


cropped-pompeii-villa-of-mystery-3Dass Mysterien in der alten Welt gewesen sind, und dass sie in allgemeiner Hochachtung gestanden, ist aus dem vorhergehenden sichtbar. Ihr Gegenstand ward zwar aufs sorgfältigste allen Fremden verborgen; aber er konnte doch nicht so verborgen bleiben, dass nicht hie und da ein Wort davon entfallen wäre. Man hat diese einzelnen Worte gesammelt, daraus ein gewisses Ganzes zusammengesetzt, und daraus sieht man endlich, dass ihr Inhalt wichtig, und dass sie überhaupt der Achtung nicht unwürdig gewesen, die so viel große Männer des Altertums, und fast die ganze heidnische Welt gegen sie geheget. Was nun noch übrig ist, das ist die Frage: Wo sind sie geblieben? Wann sind sie ausgegangen, und was hat zu ihrem Ende die eigentliche Veranlassung gegeben?

Man kann sehr kurz abkommen, wenn man nur gleich antwortet, dass sie als heidnische Mysterien untergegangen, als die christliche Religion im römischen Reiche die herrschende wurde. Aber dass diese Antwort nichts weniger als zureichend ist, sich auch nicht auf alle besondre Arten von Mysterien passt, bedarf keines Erweises. Es ist vielmehr gewiß, dass einige Mysterien sich noch lange nach den Zeiten erhalten, da bereits das Christentum die herrschende Religion war, und erst nach der Zeit, ungewiß durch welchen Zufall, sich aus der Welt verloren haben, so dass auch jetzt nicht mehr die geringste Spur davon angetroffen wird. Dies verdient eine etwas genauere Untersuchung, die vielleicht meinen Lesern nicht ganz unangenehm sein wird: eine Untersuchung, die auch noch jetzt bei gehöriger Anwendung von vielem Nutzen sein kann.

Von einigen Mysterien kann man fast das Datum ihres Untergangs mit ziemlicher Gewissheit angeben. Die ägyptischen Mysterien litten eine wichtige Zerrüttung mit dem Verfall der echten Religion der alten Ägyptern. Gewöhnlich setzt man dies schon in die Zeiten, da Ägypten von den persischen Monarchen unters Joch gebracht wurde. Aber man irrt sich, wie ich glaube, hierin ungemein. Kambyses II. ging freilich sehr hart mit den Ägyptern um, tötete ihre Tier-Gottheiten, verheerte ihre Tempel, und ließ sehr viele Kostbarkeiten aus denselben nach Persien bringen. Aber dies war von kurzer Dauer. Sein Nachfolger Dareios I. bezeigte sich dagegen als einen desto größeren Gönner und Beschützer der ägyptischen Religion, es mag nun bessere Einsicht von dem wahren Wesen derselben, oder bloße Staatsklugheit daran Schuld gewesen sein. Das erstere ist zu vermuten, wenn es nämlich gewiß ist, was Diodor von Sizilien sagt, dass Dareios mit den ägyptischen Priestern in genauer Verbindung gestanden, und auch von dem, was ihre heiligen Bücher enthalten, unterrichtet gewesen. (Diodor Sic. Lib. I.p.85) Das letztere ist darum glaublich, weil es sonst unbegreiflich ist, wie ein Regent der Perser, die abgesagte Feinde des Götzendientes waren, den ägyptischen Aberglauben dergestalt unterstützen können, dass er, wie Polyainos sagt (Polyani. Stratagem. I. VII. p.490), demjenigen hundert Talente versprochen, der einen neuen Apis schaffen würde. Unter der Herrschaft der Perser hatten die Ägypter immer abwechselnde Schicksale, und hatten sie auch denn einmal einen strengen Oberherrn, so folgte ihm ein andrer, unter welchem sie es besser hatten, und ihre ganze Religion blieb ungestört. Ihre Geheimnisse litten also gleichfalls nichts.

Jablonsky meint, dass die innerlichen Kriege, die Ägypten unter der Herrschaft der Perser beunruhigt, den Verfall der Mysterien veranlasset. Es wären nämlich dadurch die Ägypter verhindert worden, sich den schweren und langwierigen Prüfungen zu unterziehen, die bei der Einweihung zu den Mysterien notwendig vorhergingen. (Jablonsky. Pant. Aegypt. Proleg. p.150) Ich würde kein Bedenken tragen, dieser Meinung meinen vollkommenen Beifall zu geben, wenn es sich mit den ägyptischen Mysterien so verhalten hätte, wie mit den griechischen, bei deren Mitteilung man nicht auf ein besonderes Geschlecht sah. Aber wer wurden zu den Mysterien der Ägypter eingeweiht? — Nur Priester und ihre Söhne. Und wo geschah die Einweihung? — In den unterirdischen Tempeln und Gängen, die man hie und da angelegt hatte, und allen Fremden gänzlich unzugänglich waren. Es mogten also noch so viele Unruhen im Reiche entstehen, so wurde dadurch der Priester nicht gehindert, mit seinem Sohne die Prüfungen anzustellen, die zur Mitteilung der Geheimnisse erforderlich waren.

Wie mir wahrscheinlich ist, so ist der Verfall der ägyptischen Mysterien allein den Griechen zuzuschreiben. Seit dem diese in Ägypten einiges Ansehen erhielten, litte die echte Religion daselbst manche Umbildungen in griechischen Geschmack, und verlor schon vieles von ihrer Ursprünglichkeit. Dieses war gleichsam ein feines Gift, das ein schleichendes Übel im Gefolge hatte. Aber das vornehmste war die wichtige Revolution, die die ägyptische Priesterschaft unter der Regierung der Ptolemäer leiden musste. Diese Regenten trafen das wahre Mittel, Ägypten in Unterwürfigkeit zu erhalten, und den Geist des Mißvergnügens über ausländische Regierung zu ersticken, indem sie der Priesterschaft den Einfluss entzogen, den dieselbe noch immer in die Regierung des Staats gehabt hatte. Das Priestertum war nicht mehr den Fremden unzugänglich, nicht mehr ein bloßes Erbstück vom Vater auf den Sohn. Man findet daher nicht von einem einzigen Griechen, der zu diesen Zeiten nach Ägypten gekommen, um Unterricht zu erlangen, dass man ihm solche harte Prüfungen vorgeleget, als dem Pythagoras: Denn das durfte man aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr; aber man findet auch nicht mehr, dass sie tief in die Mysterien der Ägypter eingedrungen wären. Was man erlangte, waren sehr allgemeine Kenntnisse. Da wurden nun aller Wahrscheinlichkeit nach die echten ägyptischen Mysterien zu Grabe getragen, oder sie zogen vielmehr das Kleid der Griechen an, und unter diesem neuen Gewande verschwand das alte dermaßen, dass endlich auch gar wenige Spuren davon übrig waren. Als Strabo zu Augustus Zeiten sich in Ägypten aufhielt, war kein Hierogrammateus, die sonst die Besitzer der Geheimnisse gewesen waren, mehr vorhanden; sondern man zeigte zu Heliopolis nur noch allein die Häuser, in welchen ehemals die Priester ihren Sitz gehabt. (Strabo Lib. XVII.) Was damals noch vorhanden war, das waren gewissermaßen nur noch die untersten Stufen der Geheimnisse: Jene größeren waren schon längst mit demjenigen Geschlecht ausgegangen, das sich so viele Jahrhunderte hindurch im ausschließenden Besitz derselben geglaubt hatte.

Die Schule der Orphiker scheint sich nicht sehr lange unter den Griechen erhalten zu haben. Hier fand freilich nicht dasjenige statt, was den Untergang der ägyptischen Schule beförderte; aber es waren andre Ursachen vorhanden, wodurch es unmöglich war, dass eine solche Sozietät sich lange hätte erhalten können. Das orphische Leben, die Enthaltung von allen lebendigen Geschöpfen, machte einen zu starken Kontrast mit der griechischen Religion und den Sitten der Griechen, bei welchen eine solche Strenge was sehr ungewöhnliches war, als dass eine Gesellschaft solcher Sonderlinge sich einen großen Zuwachs hätte versprechen können. Vielleicht mogten die Diener der Volksreligion auch wohl das ihrige beitragen, um Leute zu unterdrücken, bei denen eben das die größte Stufe der Heiligkeit war, was von ihnen als Irreligion angesehen werden konnte, nämlich Enthaltung von blutigen Opfern, und endlich verlor sich diese Schule unter den Pythagoräern, die eigentlich für nichts anders, als für Nachfolger der Orphiker wollten angesehen sein.

Die Schule der Pythagoräer breitete sich mit vieler Schnelligkeit in dem untern Italien aus, aber sie war dagegen nur von einer kurzen Dauer. Einige glauben, dass sie zu den Zeiten des Pythagoras selbst ihren Untergang gefunden, und dass dieser Philosoph selbst in dem Ruin seiner Sekte begraben worden. Aber es ist wahrscheinlicher, dass dieses erst nach seinem Tode geschehen, und dass das Unglück, dass die Pythagoräer betroffen, erst zu den Zeiten des Kriegs über sie ausgebrochen sei, den Dionysios von Syrakus wider die Krotoniaten führte, da dann diese Sekte ungefähr 120 Jahre mogte bestanden haben. Die Veranlassung zum Untergang der Pythagoräer wird verschiedentlich angegeben. Jamblich erzählt, dass ein gewisser Kylon, ein reicher und angesehener Mann unter den Krotoniaten, der aber einen schlechten sittlichen Charakter gehabt, sich bemühet habe, in die Gesellschaft der Pythagoräer aufgenommen zu werden, aber eine abschlägige Antwort erhalten, und hernach aus Verdruss die Pythagoräer zu Grunde zu richten gesucht habe. (Jamblich de vita Pythagorae. p.199) Dies ist glaublich, denn es hat zu allen Zeiten Menschen gegeben, und gibt auch deren noch, die ihre Hand nach Dingen ausgestreckt, die ihnen nicht gehörten, und, um entweder zu ihren unrechtmäßigen Endzwecken zu gelangen, oder sich zu rächen, sich jede Art von Schandtaten, Straßenraub, Verletzung der Gastfreiheit, Mord, und andre Bosheiten erlaubt haben. — Jamblich führt ferner an, dass einige, die ehemals Pythagoräer gewesen, aber ausgestoßen wurden, und welchen man ein Toten-Monument errichtet, eine Verschwörung wider sie angezettelt, und das Volk gereizt, diese Schule zu Grunde zu richten. (Ebenda. p.202) Das wäre auch nicht das erste Exempel, dass ein Unwürdiger durch die verdiente Strafe nicht gebessert, sondern vielmehr erbittert worden. Aber indessen ist doch so viel gewiß, dass die Pythagoräer (vielleicht aus guter Absicht) sich zu sehr in weltliche Händel gemischt, und teils selbst, teils durch ihre Freunde und Verwandte den Staat regierten. Genug, alles dieses traf zusammen. Es entstand im Staat von Kroton ein förmlicher innerer Krieg zwischen der Fraktion des Kylons und der Partei der Pythagoräer, der sich aber mit dem Untergang dieser letzten endigte. Denn der aufgebrachte Pöbel legte Feuer an das Haus, in welchem die Pythagoräer versammelt waren, von welchen nur zwei, nämlich Archippos und Lysis, sich retteten, die andern aber insgesamt in den Flammen ihr Leben einbüßten. Justin hingegen sagt, dass von 300 Pythagräern ungefähr 60 in diesem Tumult das Leben verloren, die übrigen aber mit der Verbannung bestraft worden. (Justin Lib. XX. cap.4) Diesem Beispiel der Krotoniaten folgte man bald in den übrigen Städten von Italien nach, in welchen die Pythagoräer ihre Sitze errichtet hatten, und was auf diese Weise nicht vollendet wurde, das brachten endlich die politischen Unruhen in Italien zur Vollkommenheit. Bei der damaligen Verfassung des Staats und der Religion in Italien und Griechenland konnte wohl nicht füglich eine Sozietät von philosophischen Koinobiten, und die noch überdies so viel geheimnisvolles als die Pythagoräer hatten, lange bestehen: Und das gemeinschaftliche Leben scheint gewissermaßen die Seele dieser Schule gewesen zu sein. Aristäus hat zwar die Überbleibsel derselben zu sammeln gesucht, aber das war von keinem großen Wert, und zu Platos Zeiten waren echte Pythagoräer schon eine nicht mehr vorhandne Sache.

Die eigentlichen Mysterien der Griechen haben sich ungemein lange erhalten, welches sie wohl vornehmlich dem Schutz der öffentlichen Religion und der Verbindung derselben mit dem Staat zu danken hatten. Indessen kann es doch nicht geleugnet werden, dass sie mit der Zeit auch ganz ungemein an verschiedenen Orten verdorben wurden, wozu die Nacht, und das unverletzliche Stillschweigen manche Gelegenheiten darbot. Es scheint, dass dies schon zuweilen in sehr frühen Zeiten geschehen. Denn Cicero sagt schon vom Diagondas von Theben, dass derselbe alle nächtlichen Feierlichkeiten ohne Unterschied abgeschafft, um die Unordnungen zu stören, die bei den Geheimnissen sich eingeschlichen hatten. (Cicero de Legib. Lib. II. cap.15) Aus einer gleichen Ursache wurden in Italien im 186. Jahr vor Christi Geburt unter den beiden Konsuln Posthumius Albinus, und Marcius Philippus, die Geheimnisse des Bachus zu Rom und in Italien verboten. (Livius Lib. XXXIX. cap.15) Zu was für Betrügereien, Geldschneidereien, und Unanständigkeiten man hin und wieder die Geheimnisse gemißbraucht, davon gibt auch Lucian einen schönen Beitrag in seiner Erzählung von den durch den Alexander eingesetzten Mysterien des Glykon. (Lucian opp. Tom. II. in Pseudomant. num. 18.ff) Kann man gleich nicht alles glauben, was die Kirchenväter von den Geheimnissen reden, so kann man doch auch nicht alles ohne Unterschied verwerfen, und es ist nur mehr als zu gewiss, dass zu den Zeiten, da das Christentum entstand, die Mysterien fast allgemein sehr verderbt gewesen.

Aber das war es nicht, was ihren Untergang zu Wege brachte. Sie erhielten sich noch immerhin, auch selbst noch lange genug unter den christlichen Kaisern, und Valentinian wagte es nicht, sie gänzlich zu verbieten. Endlich aber wurden die eleusinischen Geheimnisse, die fast die einzigen noch übrigen waren, unter dem Kaiser Theodosius, dem ältern, gänzlich abgeschafft. Dies geschah durch ein Edikt vom 20. Dezember 381, in welchem, bei Strafe der Landesverweisung, alle nächtlichen Feierlichkeiten, sie mogten innerhalb oder außerhalb den Tempeln begangen werden, gänzlich verboten wurden. Dies war nun wohl freilich eine gewaltsame Unterdrückung der Mysterien, die man wohl eigentlich der Gewalt, die die christliche Religion im römischen Reiche erlangt hatte, zuzuschreiben hat. Aber man würde sich doch, wie ich glaube, sehr irren, wenn man hier schon ihr Grab suchen wollte. Als das Christentum das Heidentum zu bestreiten anfing, nahm sich vorzüglich die alexandrinische Schule des sinkenden Heidentums an. Kennt man die Grundsätze dieser Schule genau, ist man nur einigermaßen von dem unterrichtet, was in den Mysterien vorging und abgehandelt wurde, so wird man nicht lange in Zweifel sein, dass beide aus einer und derselben Quelle geschöpft haben. Diese Schule war auch der Zufluchtsort der Mysterien, als scharfe kaiserliche Edikte denselben keine Freiheit mehr gestatten wollten, und sie war im Grunde nichts anders, als die Mysterien selbst, aber unter der Maske der Philosophie. Die sogenannten kleinen Mysterien nahmen also freilich durch die vom Kaiser Theodosius gemachten Verordnungen ein Ende; aber die großen dauerten noch immer fort unter den Philosophen der alexandrinischen Schule, und haben vermutlich erst von dem Jahre 528 an, zu sein aufgehört, da auch die Philosophen dieser Schule, als der stärksten Stütze des Heidentums durch die Befehle des Kaisers Justinian genötigt wurden, das römische Reich zu verlassen, die sich dann nach Persien begaben, um da diejenige Freiheit zu genießen, die ihnen unter den Christen versagt wurde. Dies war gleichsam der letzte Stoß, den die Mysterien erhielten, und hier ist es, wie ich glaube, wo man den eigentlichen Untergang derselben aufzusuchen hat.

Es hat freilich nach diesen Zeiten auch unter den Christen nicht an Männern gefehlt, die im Grunde genommen eben denselben Grundsätzen zugetan gewesen, die man in den Mysterien selbst vorgetragen hatte, bei welchen die höhere Disziplin derselben in Achtung gestanden, und die den Spuren derselben nachgesucht haben. Aber sie waren nun einmal schon ausgelöscht, und zu sehr verwischt, als dass sie hätten wieder hergestellt werden können. Was in den Tempeln ehedes an Denkmälern vorhanden gewesen war, das war in den Ruinen der Tempel mit begraben worden; was in den Händen der Philosophen sich noch erhalten hatte, war auch durch deren Vertreibung den Augen der Welt entzogen worden, und was noch etwa hin und wieder übrig sein mögte, das sind nur schwache Spuren, und die noch überdies mit so vielen fremden Zusätzen umgeben sind, dass es selbst einem Kenner schwer fallen würde, das echte von dem falschen genau zu unterscheiden.

Das ist das Schicksal der Mysterien der alten Welt gewesen, die in so allgemeiner Achtung gestanden haben, aber so gänzlich unsichtbar geworden sind, dass auch ihre Stätte kaum gefunden wird, und man kaum nur noch aus einzelnen entfallenen Worten von ihrem Wert zu urteilen im Stande ist.

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