Michael Glawogger und die Freimaurer in Liberia


michael-glawogger-memorianLetzten Dienstag, am 22. April 2014, ist der österreichische Filmemacher Michael Glawogger überraschend in Liberia während Dreharbeiten zu seinem neuen Film, dem Film ohne Namen, an Malaria verstorben. Über die einjährige Reise durch die ganze Welt ohne festes Ziel, die schließlich in seinen Film ohne Namen einfließen sollte, schrieb er Reisetagebücher in derstandard.at und auf sueddeutsche.de, was er denn so alles auf seinem Trip erlebte.

Direkt an seinem Todestag, eben letzten Dienstag, dem 22. April 2014, wurde der letzte Eintrag von Michael Glawogger auf derstandard.at veröffentlicht. Laut den Niederösterreichischen Nachrichten ist Glawogger am Karfreitag erkrankt und es wurde vorerst eine Typhusinfektion nahegelegt. Erst am Ostermontag, also 3 Tage nach seiner Erkrankung, wurde bei einem zweiten Test Malaria tropica diagnostiziert, die Medikation entsprechend umgestellt und Michael Glawogger ins Krankenhaus von Monrovia geflogen.

„Gleichzeitig wurde die Rückholung in die Wege geleitet, nach der er am frühen Morgen des Mittwoch in Wien eintreffen sollte. Die von Montag auf Dienstag eintretende rapide Verschlechterung seines Allgemeinzustandes führte aber währenddessen zu einem schrittweisen Organversagen, infolge dessen er am Dienstag um 23.40 Uhr MEZ auf dem Weg vom Krankenhaus zum Flughafen verstarb.“

Das Loch – ein mysteriöser Geheimbund?

Das ominöse Loch in einer Mauer rund um einen  Handymasten

Das ominöse Loch in einer Mauer rund um einen Handymasten links vom gelben Tor, Harper, Liberia

Dies ist der Titel seines letzten Reisebucheintrags auf derstandard.at, und der hat es in sich. Es geht um ein Loch in einer Mauer, die rund um einen Handymasten läuft. Mit diesem Loch hat er sich in diesem Reisetagebucheintrag beschäftigt, und dabei auch den verlassenen Prunkbau der Freimaurer in Harper erwähnt, das nur wenige 100 Meter von diesem ominösen Loch entfernt liegt.

Freimaurergebäude in Harper, Liberia

Verlassenes Freimaurergebäude in Harper, Liberia

Warum ist dieses Freimaurergebäude in Harper, Liberia, auch „Gboyo-Center“ genannt, eigentlich so verlassen? Nun, die Antwort ist in der Geschichte Liberias zu finden. Dass es schon bessere Zeiten gesehen hat, beweist das nachfolgende Bild aus dem Jahr 1966. „Gboyo-Center„? Dazu später mehr.

Freimaurerloge in Harper, Liberia (1966)

Freimaurerloge in Harper, Liberia (1966)

Wenden wir uns zunächst dem Wikipedia-Artikel über die Freimaurer in Liberia zu. Dieser besagt, dass die Freimaurerei aus Amerika mit den befreiten Sklaven nach Liberia kam, und dass die liberische Großloge im Jahr 1867 von Prince Hall Freimaurern gegründet wurde. Zu den Prince Hall Logen muss man wissen, dass sich diese freimaurerische Einrichtung für Schwarze im 18. Jahrhundert gebildet hat. Freimaurer sind im Grunde zutiefst rassistisch, obwohl sie sich eigentlich Toleranz auf ihre Fahnen schreiben. Um die Schwarzen besser kontrollieren zu können, wurde die Prince Hall Freimaurerei ins Leben gerufen. Der Beweis für den Rassismus der Freimaurer liegt in der Tatsache, dass jeder weiße Freimaurer jede Prince Hall Loge besuchen kann, wann immer er will. Prince Hall Freimaurer dürfen im Gegenzug jedoch aber nicht alle anderen Freimaurerlogen besuchen, die sie möchten.

In den 1970er Jahren, also fast genau 100 Jahre nach Errichtung der Großloge, gab es in Liberia bereits 17 der Großloge untergeordnete Logen im ganzen Land. Diese Expansion wirkte sich auf die politische Vormachtstellung der Freimaurer in Liberia aus, der Großteil der hochrangigen Beamten waren Freimaurer, die ebenfalls Nachfahren der aus Amerika zurückgekehrten Prince Hall Freimaurern sein mussten, den Americo-Liberians. Es wurde damals von der Bevölkerung weitgehend angenommen, dass die Staatsangelegenheiten innerhalb der Logen entschieden werden. Auch war es wichtige Voraussetzung, Freimaurer zu sein, wenn man in führende Rollen der True Whig Party aufsteigen wollte.

Die True Whig Party wurde 1869 gegründet, also 2 Jahre nach Gründung der Großloge. Sie dominierte die liberische Politik über 100 Jahre lang von 1878 bis 1980 und arbeitete eng mit dem Orden der Freimaurer zusammen. Die Partei förderte Zwangsarbeit und verkaufte menschliche Arbeitskraft unter anderem an spanische Kolonialisten. Ex-Sklaven die Zwangsarbeit an spanische Kolonialisten verkaufen? Naja, die Freimaurer waren schon immer sehr „situationselastisch“. Wie „demokratisch“ die True Whig Party war, merkt man auch, dass die Präsidentenwahl 1927, die Charles D. B. King gewann, als die faulste Wahl der Geschichte ihren Weg ins Guiness Book of Records geschafft hat, nachdem King 234.000 Stimmen gewann, obwohl nur 15.000 Menschen zu dieser Zeit in Liberia als Wähler registriert waren.

Samuel Doe

Samuel Doe

Schließlich wurden die Freimaurer aus ihrer über 100-jährigen Herrschaft über Liberia durch Master Sgt. Samuel Doe gerissen, der in einem Staatsstreich 1980 die Kontrolle über das Land an sich gerissen hat, den amtierenden Präsidenten von Liberia und Großmeister der liberischen Freimaurer, William R. Tolbert, Jr. und die Freimaurer generell aus ihren Machtpositionen vertrieben hat. Es gibt Gerüchte, dass die Central Intelligence Agency (CIA) bei dem Staatsstreich ihre Finger im Spiel hatte, zumindest sollen weiße Söldner gesehen worden sein.

Ein Indiz dafür wären die „Rituellen Tötungen“, die das Land über viele Jahrzehnte erdulden musste. „Gboyo“ ist ein liberisches Wort für „rituelle Tötung“. Und die Freimaurerloge in Harper wurde „Gboyo-Center“ genannt. Immer wieder wurden Arbeiter und Kinder entführt und entweder gar nicht oder tot und schlimm verstümmelt aufgefunden. Dazu mehr in diesem Blogpost eines liberischen Journalisten. Dass die rituellen Tötungen bis heute nicht aufgehört haben, beweist dieser Bericht von 2011, in dem es heißt, dass rituelle Tötungen vor Wahlen besonders häufig sind, weil manche Politiker glauben, dass sie an die Macht ihrer Gegner gelangen, wenn sie sie aufessen. Hier noch ein Bericht aus 2012 über Gboyo-Aktivitäten in Liberia. Eine umfassende Übersicht über rituelle Tötungen findet man auf liberiapastandpresent.org.

Möglich, dass die wahre Macht in der Freimaurerei, der Schottische Ritus, dieser schlechten Publicity ein Ende bereiten wollte. Möglich ist aber auch, dass Samuel Doe ähnlich wie Gadaffi bei seinem Coup im Jahr 1969 gehandelt hat, als dieser den pädophilen König Idris aus dem Land geworfen hatte, der dann passenderweise in England Asyl fand.

Aber Samuel Does Herrschaft dauerte nur 10 Jahre, im Jahr 1990 gab es erneut Aufruhr im ganzen Land und Samuel Doe wurde schließlich grausam gefoltert und hingerichtet. In der-ueberblick.de findet sich ein Interview mit dem Anführer Prince Johnson, der jetzt als Prediger in Nigerien lebt. Was folgte war der erste liberische Bürgerkrieg, der bis 1996 andauerte und über 200.000 Menschenleben forderte, was bedeutet, dass einer von 17 Bürgern Liberias getötet wurde. Während des Bürgerkriegs fanden viele Schlachten um die Freimaurerlogen statt und die Tempel sind ebenfalls Vandalen zum Opfer gefallen, als Symbol für die elitäre Minderheit, die das Land so lange regiert hatte.

Aber wieder zurück zu Glawogger. Hat sein letzter Reisetagebucheintrag, in dem er die Freimaurer erwähnt hat, etwas mit seinem Ableben zu tun? Ist er jemandem zu sehr auf die Zehen getreten? Hat jemand die Notbremse gezogen? Sicher ist nichts, besonders wenn man sich Bob Marley und Friedrich Schiller in Erinnerung ruft, die ja auch beide unter dubiösen Umständen einer Krankheit erlegen sind, weil sie der Bruderschaft von Mystery Babylon im Weg waren.

Glawogger hat jedenfalls schonungslos die Folgen der Globalisierung aufgezeigt. Zusammen bilden Megacities, Workingman’s Death und Whores’ Glory eine Film-Trilogie über den Zustand der Welt um die Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert. Vielleicht wollte er sich in Zukunft auch mehr damit beschäftigen, warum dieser Zustand der Welt überhaupt eingetreten ist? Man weiß es nicht. Rest in Peace, Michael, und danke für deine Filme.

Hier noch ein interessanter Youtube-Film über Freimaurer in Liberia:

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Eine Antwort zu Michael Glawogger und die Freimaurer in Liberia

  1. haunebu7 schreibt:

    Hat dies auf Haunebu7's Blog rebloggt.

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